Jeder in seinem eigenen Tempo
22 Grundschüler der ersten und zweiten Klasse in Mösbach werden seit 2010 gemeinsam unterrichtet
Es ist ruhig im Gang. Vier Kinder sitzen dort alleine an einem Tisch und tuscheln miteinander. Aus dem Nachbarzimmer dringen gedämpfte Stimmen. Kein Lehrer ist als Aufpasser zu sehen, trotzdem verhält sich die Vierergruppe verdächtig leise Die Ruhe vor dem Sturm?
Die siebenjährigen Theresa und Melina blättern im Mathe-Tiger und lösen Additionen. Ihnen gegenüber sitzen Alexander und Tim, ebenfalls sieben Jahre alt. Sie stecken die Köpfe zusammen und brüten über einer Deutschaufgabe. »Die Kinder lernen, selbstständig zu arbeiten und ihr Pensum selbst einzuteilen, ohne dabei Blödsinn zu machen«, erzählt Lehrerin Tatjana Hoffmann, die in der Zwischenzeit hinzu gekommen ist. »Das ist einer der Vorteile, die eine gemischte Jahrgangsstufe mit sich bringt«, fährt die 41-Jährige fort.
Teilung ab 26 Kindern
Hoffmann und ihre Kolleginnen Nadine Blaschke und Sabine Schulte unterrichten seit Beginn dieses Schuljahres an der Grundschule Mösbach eine Klasse, die aus zehn Erst- und zwölf Zweitklässlern besteht. Ab einer Schülerzahl von 26 hätte die Option auf zwei Regelklassen bestanden. Da aber in den vergangenen Jahren viele Familien von Mösbach weggezogen sind, haben dafür die Schülerzahlen nicht ausgereicht. So werden die sechs- bis achtjährigen Kinder nun gemeinsam unterrichtet.
»Natürlich sind wir vor zweieinhalb Jahren vor einer großen Herausforderung gestanden, als klar wurde, dass es auch bei uns in Zukunft gemischte Klassen geben wird«, erinnert sich Schulleiterin Manuela Seydel. »Aber wir hatten ein Jahr lang eine Art Übergangszeit, in der wir uns auf diese Aufgabe vorbereiten konnten.«
Und diese hat die kleine »familiäre« Schule mit gerade mal 54 Schülern in Mösbach intensiv genutzt. Hoffmann und Schulte wurden durch Kurse des Staatlichen Schulamtes in Offenburg sowie einer überregionalen Lehrerfortbildung in Bad Wildbad für die neue Unterrichtsform fit gemacht. Eine weitere Kollegin soll noch geschult werden.
Das Schlimmste, was hätte passieren können, wäre eine mangelhafte Vorbereitung auf diese Verantwortung gewesen, meint die Rektorin. Doch nun sei die Schule so gut vorbereitet, dass Kinderkrankheiten kaum auftreten werden. »Und wenn doch, sind wir flexibel«, schmunzelt die 47-Jährige, die sich über die gelungene Umstellung freut.
»Ich bin wirklich überzeugt vom Konzept des jahrgangsübergreifenden Unterrichts. In Teilen haben wir das schon im vergangenen Jahr praktiziert, doch nun haben wir die Sache von Grund auf neu aufgezogen. Jede Schule hat ja die Möglichkeit, den Stundenplan frei zu gestalten. Diese Unterrichtsform kommt den Kinder zugute«, gibt sich Seydel zufrieden.
Nicht nur, dass die Kleinen schon sehr früh Selbständigkeit und Eigenverantwortung lernen. Auch das Konkurrenzdenken fällt völlig weg. Zudem können die Lehrer auf die Schwächen und Stärken jedes Kind individuell eingehen. Kein Kind wird unter- oder überfordert, sondern lernt in seinem eigenen Tempo.
Besserer Überblick
Dass fängt schon mit dem »offenen Beginn« am Morgen an. In diesen 30 Minuten trudeln die Kinder zu unterschiedlichen Zeiten ein. Ich kann jedes persönlich begrüßen«, erzählt Hoffmann. »Dabei schaue ich mir kurz die Hausaufgaben an und sehe gleich, wie gut der Einzelne mitkommt. Die Pädagogin sagt, sie hätte noch nie einen so guten Überblick gehabt, wie weit jedes Kind sei. Aber es erfordere intensive Vorbereitung, für jedes Kind das geeignete Material bereitzuhalten. Nach der Begrüßung macht jeder etwas anderes. Aber jeder weiß, was er zu tun hat.
Als zusätzlicher positiver Effekt des neuen Konzepts wurde die Schule mit den notwendigen Materialien ausgestattet. Denn mit den »alten« Lernmitteln sei ein klassenüberschreitender Unterricht nicht möglich gewesen, weiß Seydel.
Überzeugungsarbeit sei nur bei den Eltern zu leisten gewesen. Viele würden noch die herkömmliche Methode des Frontalunterrichts kennen und hätten befürchtet, die Klassenzusammenlegung wirke sich negativ auf die Leistung ihrer Kinder aus. Doch spätestens beim Elternabend war klar, dass auch diese Hürde genommen ist. »In Zukunft werden zusammengelegte Klassen alltäglich sein«, ist die Pädagogin Hoffmann überzeugt. Dann werde keiner mehr nach dem früheren »normalen« Schulunterricht fragen.
Ganz im Gegenteil: »Der »normale« Unterricht, wie ihn die dritte und vierte Klasse mit jeweils 16 Schülern erlebt, die wie bisher in Regelklassen von Sabine Schulte, Nadine Blaschke und Manuela Seydel betreut werden, wird bald ein Auslaufmodell sein«.
STICHWORT I
Gemeinsam lernen
Ziel des jahrgangsübergreifenden Unterrichts ist, Kinder besser zu fördern: Leistungsstarke Schüler können den Lernstoff von zwei Klassen in einem Jahr absolvieren, und Kinder, denen das Lernen etwas schwerer fällt, können sich bis dafür zu drei Jahren Zeit nehmen, ohne sitzen zu bleiben.
Entwickelt wurde der jahrgangsübergreifende Unterricht, um bei sinkender Kinderzahl die Schulen nah am Wohnort zu halten und als eine Antwort auf Pisa.
STICHWORT II
Auf dem Vormarsch
Jahrgangsübergreifende Klassen, bei denen zwei Schuljahrgänge gemeinsam unterrichtet werden, gehören auch in einigen anderen Grundschulen rund um Achern als fester Bestandteil zum Schulkonzept. So gehen bereits die Erst- und Zweitklässler der Schulen in Sasbachried, Wagshurst und Mösbach in eine gemeinsame Klasse.
Einen Schritt weiter geht sogar die Grundschule in Sasbachried. Dort wird auch die Klasse drei und vier in einer jahrgangsübergreifenden Klasse unterrichtet.
Ein erstaunlicher Anblick bieten Theresa, Melina, Tim und Alexander. Die vier pauken in »Eigenregie« Mathe und Deutsch, ohne dass ein Lehrer als Aufpasser fungiert.
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