»Dem neugeborenen Kind eine Chance geben«

Veröffentlicht auf von Acher-Rench-Zeitung

Tiergarten will Tempo 30 einführen / Vorfahrtsregel an Kreuzungsbereichen verärgert Bürgerin: »Ich habe das Gefühl, dass wir gegen eine Wand reden«

Sehr gut besucht war der Informationsabend über die Einführung von Tempo 30. 40 Bürger kamen am Donnerstagabend in die Gemeindehalle. Die Befürworter von Tempo 30 dominierten. In der lebhaft geführten Diskussion gab es nur wenige Gegenargumente. Strittig blieb die Vorfahrtsregelung an gefährlichen Kreuzungen.

 

Ortsvorsteherin Claudia Kimmig freute sich über die vielen Besucher beim »Tempo 30«-Abend: »Unser oberstes Ziel ist es, für die Sicherheit der schwächsten Verkehrsteilnehmer zu sorgen, und das sind vor allem die Kinder und ältere Menschen.« Gerade die Springstraße wurde als gefährlicher Schulweg eingestuft, da es hier weder Geh- noch Radweg gibt. Als ersten Schritt in die richtige Richtung bezeichnete sie die Gestaltung des Ortskerns mit der Verkehrsberuhigung vor der Schule. Ein weiterer sei es nun, flächendeckend Tempo 30 einzuführen. In allen Ortsteilen habe sich diese Regelung bewährt, da es zu weniger Unfällen komme.
Die Kosten der Einführung bezifferte Ordnungsamtsleiter Christoph Lipps auf rund 5000 Euro für Schilder und Piktogramme auf der Straße. Tempo 30 werde die Verkehrssicherheit erheblich verbessern, sagte Lipps, weil eine Reduzierung der Geschwindigkeit den Anhalteweg auf weniger als die Hälfte verringere. Weil die Springstraße als gefährlicher Schulweg eingestuft werde, bestehe dringender Handlungsbedarf. Rund eine halbe Stunde lang beleuchtete Lipps mit seiner Präsentation die Vorteile von Tempo 30 und die Konsequenzen und machte deutlich, dass es lediglich an fünf Kreuzungen oder Einmündungen zu einer anderen Vorfahrtsregelung komme als bisher. Im Bereich Bündengass/Hubeneck und im Ortskern bei der Kreuzung St.-Urban-Straße/Hubeneck/Zum Altenhof soll die bisherige Vorfahrtsregelung beibehalten werden. Für die Einführung von Tempo 30 ist das Einvernehmen des Ortschaftsrates erforderlich«, fasste Lipps zusammen

In der Diskussion ging es dann schwerpunktmäßig um die Sicherheit an den beiden angesprochenen Kreuzungen: Auch hier sollte »rechts vor links« gelten, so die Forderung der meisten Bürger. Verwiesen wurde auf das vergleichbar hohe Verkehrsaufkommen, weil beide Kreuzungen im Bereich der Halle liegen und als Zufahrt zu Schule, Kindergarten und Sportplatz dienen, aber auch auf die schlechten Sichtverhältnisse. Deshalb, so die Argumentation, sollten Verkehrsteilnehmer zur Verringerung ihrer Geschwindigkeit gezwungen werden, dass sie die Vorfahrt aus den von rechts einmündenden Straßen beachten müssen.
Die Experten der Verkehrsschau sahen es anders: Die bisherige Regelung habe sich bewährt, erklärte Polizeihauptmeister Gerd Jund, der als Vertreter der Polizeidirektion Offenburg an den Verkehrsschauen im Bereich Oberkirch teilnimmt, und dies mit den geringen Unfallzahlen belegte.
»Ich habe das Gefühl, dass wir hier gegen eine Wand reden«, beklagte sich eine Teilnehmerin. Dem Sachverstand der Experten stellte sie die täglichen Erfahrungen der Anlieger gegenüber, die um die Sicherheit ihrer Kinder fürchten, die diese Kreuzungen täglich überqueren. »Wir haben alle das gleiche Ziel – mehr Verkehrssicherheit in Tiergarten«, bekräftigte Lipps. Er sagte zu, dass er die Verkehrssituation an den Kreuzungen nach Einführung von Tempo 30 weiter im Auge behalte, es sei auch jederzeit eine Verkehrsschau möglich. Dann werde die Situation erneut überprüft.
Schließlich kam auch das Thema zur Sprache, zu dem der Abend angesetzt war: die flächendeckende Einführung von Tempo 30 in Tiergarten. Zahlreiche Diskussionsteilnehmer sprachen sich deutlich dafür aus, sowohl im Ort als auch in der Springstraße. Ein Teilnehmer befürchtete zu viel Bevormundung und Reglementierung der Bürger. »Wo soll das enden? Nächster Schritt ist dann Tempo 20«, meinte er, was Lipps damit entkräftete, dass es hierfür keine rechtliche Grundlage gebe, flächendeckend als Zone könne nur Tempo 30 festgesetzt werden. Die Befürworter von Tempo 30 waren eindeutig in der Überzahl. »Es ist ein neues Kind geboren«, fasste eine Teilnehmerin zusammen und appellierte, diesem Kind nun auch eine Chance zum Leben zu geben.

Hintergrund
Tempo 30
Ortsvorsteherin Claudia Kimmig erinnerte daran, dass bereits 1993 fast flächendeckend in den Wohngebieten der Gesamtstadt Tempo-30-Zonen eingeführt wurden – außer in Tiergarten. Hier sah der Ortschaftsrat keine Notwendigkeit und appellierte stattdessen an die Verkehrsteilnehmer, freiwillig langsamer zu fahren. Das Thema kam in Tiergarten immer wieder zur Sprache, 1997 erfolgte eine Unterschriftenaktion für Tempo 30. Es häuften sich die Anfragen von besorgten Eltern. Im Januar 2009 beantragte der damalige Ortschaftsrat unter Ortsvorsteher Konrad Papst, eine Verkehrsschau zu diesem Thema, die dann auch wenige Monate später erfolgte. Ergebnis der Besichtigung durch Vertreter von Stadt und Polizei war die Empfehlung, auch in Tiergarten Tempo 30 einzuführen. Der Ortschaftsrat hatte sich in seiner jüngsten Sitzung mit der Einführung von Tempo 30 zu befassen und beschloss einstimmig, vor einer Entscheidung hierzu diesen Informationsabend anzusetzen.

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Veröffentlicht in Tiergarten

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