Was die Wahrheit im Grunde wert ist
Grenzüberschreitendes Theater »Baal novo«« erinnert an vier in Offenburg ermordete Widerstandskämpferinnen
Das »Baal novo – Theater über Grenzen« aus Straßburg und Offenburg bot rund 250 Neunt- und Zehntklässlern des Hans-Furler-Gymnasiums und der Realschule Oberkirch einen interessanten regionalgeschichtlichen Einstieg in die nationalsozialistische Vergangenheit.
Vier Frauen liegen regungslos auf der Bühne – tot. Edzard Schoppmann, Theaterautor und Regisseur des grenzüberschreitenden Theaters erweckt sie zum Leben. Er erzählt vier unterschiedliche Geschichten der Auflehnung gegen das Naziregime »Schneeheide« basiert auf dem Schicksal der vier französischen Widerstandskämpferinnen, die am 27. 11. 1944 im Bohlsbacher Wald zwischen Rammersweier und Durbach von der Gestapo ermordet wurden. Das Stück setzt ein nach ihrer Ermordung – sie erwachen in einem geschlossenen Zimmer, in einem zeitlosen Raum, ohne zu wissen, wo sie sind, worauf sie warten.
Terror und Gegenterror
»Die Hölle sind die anderen« (Satre) setzen die Frauen sofort in die Tat um. Schoppmann mischt mit den Schicksalen der Frauen Ingredienzien des historischen französischen Widerstands gegen die deutschen Besatzer. Schwalbe, Hai, Chamäleon und Tarantel heißen sie, erst spät verraten sie ihre richtigen Namen. Da ist De Gaulle-Anhängerin Danielle (Cathy Bernecker): Folter, Bedrohung des Lebens ihrer Kinder ließen sie einknicken und ihre Mitstreiter verraten. Anne (Diana Zöller) ist deutsche Jüdin und Kommunistin, die den Terror mit Gegenterror bekämpfte, aber auch vor politischen Abweichlern in den eigenen Reihen nicht halt machte. Christine (Simone Zillhardt), Elsässerin, hat sich beim Drahtseilakt zwischen Widerstand und erzwungener Kollaboration ins Unrecht gesetzt. Schließlich Michelle (großartig: Zabou Lux), verführerisch, lebhaft – die selbst ernanntete »horizontale Agentin« – entlockte im Bett SS-Offizieren Geheimnisse und spielte sie gegenseitig aus
In das schon nicht mehr so ganz heile Image der Widerständlerinnen lässt Schoppmann dann gut 18 Jahre später den NS-Offizier Erich Schwarz (Jean Lorrain) brechen – einen skrupellosen, aber kultivierten Mörder, der es nach dem Krieg zu Ansehen gebracht hat. Die Wut der Frauen entlädt sich an ihm – jede hatte mit ihm tun – und läuft dennoch ins Leere. In die Gegenwart geholt wird das Stück dann, wenn der Autor Schwarz aus der Rolle fallen lässt, um von außen zu kommentieren: »Einer muss ja den Schurken spielen. Ihr seid die Guten, ich bin der Schlechte. Ohne mich seid ihr nur Statisten.«
Versöhnungsgedanke
Grundgedanke des Stücks ist der Versöhnungsgedanke. Deutlich wird er vor allem in der Figur der Elsässerin Blanche (Josiane Fritz), die am Ende des Stücks auftritt. Obwohl sie ihre Tochter durch den Verrat der Widerstandskämpferin Chamäleon verloren hat, ist sie zur Versöhnung und zum Verzeihen fähig: »Irgendwann muss man sagen: Schwamm drüber, der Krieg in den Köpfen muss ein Ende haben.«
Die Wunden müssen heilen, sich schließen, erst so kann es wirkliche Versöhnung geben. Am Schluss bleibt Schwarz allein zurück. Für ihn, der keine Schuld anerkennt, der nicht bereit ist, Verantwortung und auch Strafe zu übernehmen, kann es keine Versöhnung geben.
»Baal novo« hat das Stück auch in Französisch im Repertoire und führt mit weiteren Stücken spielerisch in die französische Sprache ein. »Schneeheide 44«, vom Oberkircher Kulturamt organisiert, bot einen sehr emotionalen, ungewöhnlichen Einstieg in die Geschichtsthemen des 9. und 10. Schuljahres.
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