»Auf die Muslime zugehen«
Pfarrer Matthias Uhlig nimmt Stellung zum Islam-Zitat von Bundespräsident Christian Wulff
Bundespräsident Christian Wulff sorgte mit seiner Aussage zum Islam für Aufregung. Die ARZ befragte dazu Pfarrer Matthias Uhlig aus Sasbach, den früheren evangelischen Acherner Stadtpfarrer, inzwischen Amt für missionarische Dienste.
Der Islam gehört zu Deutschland Die Aussage ist auf Grund der vielen Muslime in Deutschland an sich ja nicht falsch!?
Matthias Uhlig: Ich würde es anders formulieren: Die Muslime gehören zu uns. Sie bereichern unsere Kultur. Wir suchen das Gespräch mit ihnen und lernen von ihnen. Ausnehmen würde ich allerdings alle, die im Namen des Islam Hass, Gewalt, Unversöhnlichkeit predigen und leben, genauso wie es keine Toleranz gegen Hass und Gewalt von anderen Gruppierungen geben darf.
Kann es künftig ein Nebeneinander von Christentum und Islam in Deutschland geben oder entsteht vermehrt eine Konkurrenz?
Uhlig: Es muss ein Miteinander geben. Beide Religionen zählen die Gastfreundschaft, die Wahrnehmung des anderen, das Interesse an ihm und den Frieden zu ihren Grundwerten. Der eine Gott, dem Juden, Christen und Muslime gehorchen, hat dafür gesorgt, dass keiner ein gutes Gewissen haben darf, der sich selbst isoliert, gegen andere Gewalt anwendet und Zwietracht sät.
Wie sollte der Umgang zwischen Christen und Muslimen in Deutschland künftig sein?
Uhlig: Christen sollten ihre Möglichkeiten zur Gastfreundschaft nutzen und auf Muslime zugehen.
Und wie sind ihre bisherigen Erfahrungen im Raum Achern?
Uhlig: Als wir in den vergangenen Jahren (Kirchengemeinden mit Muslimen) ins Gespräch kamen, haben wir unter ihnen Freunde gefunden und vieles voneinander gelernt
Der Glaube soll im Umgang mit Muslimen nicht ausgeklammert werden, im Gegenteil, er liefert viele interessante Gesprächsthemen. Viele Missverständnisse können so abgebaut werden. Ich lege aber Wert darauf, dass für mich keine Freundschaft mit Muslimen geben kann, die nicht auch die Freundschaft zu Juden und ihrem Staat Israel einschließt.
Passen der Islam (mit all seinen Schattierungen) und die moderne Gesellschaft in der Bundesrepublik Deutschland überhaupt zusammen?
Uhlig: Auch als Christ steht man vor der Frage, wie gewisse »moderne« Ansichten und Lebensformen noch mit der eigenen Tradition vereinbar sind. Ich rede mit Muslimen über die Frage, wie Frieden, Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung heute verwirklicht werden können, da gibt es immer wieder interessante Übereinstimmungen.
Ist die verstärkte Präsenz des Islam auch eine Herausforderung für die christlichen Kirchen, vermehrt auf die Menschen in Deutschland zuzugehen?
Uhlig: Die größte Herausforderung sehe ich im Gespräch mit den Muslimen. Die Erfahrung zeigt, dass dieses Gespräch und die Beschäftigung mit dem Islam manchen eingeschlafenen Christen wieder aufweckt. Der Muslim fragt den Christen, wie wichtig ihm sein Glaube ist, und der Christ antwortet: »Darüber habe ich noch nicht nachgedacht.« Danach beginnt er hoffentlich zu denken.
STICHWORT
Wulff-Zitat
Bundespräsident Christian Wulff (CDU) sorgte anlässlich des Tag der Deutschen Einheit am 3. Oktober für Aufmerksamkeit und Irritationen mit dem Zitat: »Das Christentum gehört zweifelsfrei zu Deutschland, das Judentum gehört zweifelsfrei zu Deutschland, aber der Islam gehört inzwischen auch zu Deutschland«.
Besonders stark kritisiert wird der Bundespräsident aus den eigenen Reihen, aus CDU und CSU, so beispielsweise von Fraktionschef Volker Kauder.
Jetzt klicken und 10 Tage kostenlos Zeitung lesen
