Strippen für Lautenbach gezogen
Wie die Renchtalgemeinde von der Fehde zwischen Gerhard Mayer-Vorfelder und Erwin Braun profitierte
Man kennt ihn als Minister in Stuttgart, wo er viele Jahre auch das VfB-Schiff steuerte, und als Sportfunktionär bei DFB und Uefa – die Rede ist von Gerhard Mayer-Vorfelder. Weniger bekannt ist, dass Lautenbach dem inzwischen 74-Jährigen im Zuge der Gemeindeverwaltungsreform den Erhalt seiner Selbstständigkeit verdankt. Wie es dazu kam, hat die Acher-Rench-Zeitung recherchiert.
| Gerhard Mayer-Vorfelder, kurz MV, ist eine der schillerndsten Persönlichkeiten der deutschen Zeitgeschichte Kaum ein Etikett, das dem gebürtigen Mannheimer, der in Stuttgart als Politiker Karriere machte, nicht angehängt worden wäre: »Der alte Strippenzieher aus Stuttgart«, »ein lebensfroher Instinktpolitiker«, »ein Mann mit selbstverliebter Attitüde«, »der Affärenprofi« – so haben ihn FAZ, Süddeutsche, Frankfurter Rundschau und Tagesspiegel schon betitelt. In der Sportszene wurde der Funktionär MV wegen seiner Vorliebe zum schwäbischen Wein auch »Trollinger« genannt. Nach Recherchen der Acher-Rench-Zeitung gibt es in Mayer-Vorfelders Biografie auch eine kurze Lautenbach-Episode, die für die 1900-Einwohner-Gemeinde von großer Bedeutung war, bescherte sie ihr doch 1974 den Erhalt der Selbstständigkeit und verhinderte eine Eingliederung nach Oberkirch. Und das kam so: Gerhard Mayer-Vorfelder wollte 1970, mit 37 Jahren noch in den Anfängen seiner politischen Karriere, Landrat in Offenburg werden. Doch auch der Oberkircher Bürgermeister Erwin Braun schielte damals auf diesen Posten. Da die CDU sich mit klarer Mehrheit für Mayer-Vorfelder aussprach, zog Braun frühzeitig zurück. | »Der alte Strippenzieher aus Stuttgart« – dieses Etikett hängte die Frankfurter Rundschau Gerhard Mayer-Vorfelder an. Vor über 30 Jahren, als Lautenbach nach der Gemeindegebietsreform selbstständig blieb, spielte Mayer-Vorfelder als persönlicher Referent |
Doch mit Gerhard Gamber zauberte Braun kurz vor der Wahl ein Ass aus dem Ärmel. Gamber hatte zwar keine Hausmacht in der Partei, doch die Kreistags-CDU kürte ihn zum Landrat.
Beginn einer Fehde
Es war der Beginn einer Fehde zwischen Mayer-Vorfelder und Erwin Braun, die sich einige Jahre später fortsetzte. Denn nach der Kreisreform stand die Gemeindegebietsreform an und Erwin Braun wollte Oberbürgermeister einer 20 000-Einwohner-Gemeinde werden
Um dieses Ziel zu erreichen, brauchte er in Oberkirch neben den heutigen Ortsteilen noch die Gemeinden Ulm, Erlach und Lautenbach.
Doch es kam anders: Gerhard Mayer-Vorfelder war zu dieser Zeit persönlicher Referent von Ministerpräsident Hans Filbinger. Für ihn war es die Gelegenheit, sich für die Schmach zu revanchieren, die ihm Erwin Braun wenige Jahre zuvor bereitet hatte.
Die Entscheidung über Selbstständigkeit oder Eingliederung fiel im Kabinett in Stuttgart. Als persönlicher Referent des Ministerpräsidenten machte Mayer-Vorfelder in Stuttgart seinen politischen Einfluss geltend.
Obwohl man sich in Ulm zweimal in einer Bürgeranhörung für Oberkirch ausgesprochen und am 20. Juni 1973 bereits eine Eingliederungsvereinbarung mit Oberkirch unterzeichnet hatte, kam die Gemeinde genau wie Erlach schließlich zu Renchen. Auch in Erlach hatten sich die Bürger zweimal mehrheitlich für Oberkirch ausgesprochen. Obwohl der OB-Zug für Erwin Braun damit schon abgefahren war, setzte sich Mayer-Vorfelder dafür ein, dass Lautenbach selbstständig blieb.
Die Kabinettsentscheidung fiel in der zweiten Jahreshälfte 1974. Anfang des Jahres, am 27. Januar, gab es in Lautenbach zu diesem Thema eine Bürgeranhörung. Auf Weisung des Innenministeriums durften die Lautenbacher über die Selbstständigkeit abstimmen. 96,2 Prozent der Wähler stimmten damals gegen eine Vereinigung mit Oberkirch. Die Wahlbeteiligung lag bei 91,4 Prozent. Erst wenige Wochen vor der Bürgeranhörung hatten die Lautenbacher Bürger mobil gemacht, nachdem man sich lange mit der Eingliederung in Richtung Oberkirch abzufinden schien. »Rettet Lautenbach« warb man auf den Wahlplakaten für die Selbstständigkeit.
Mayer-Vorfelders Brief
Doch zu diesem Zeitpunkt war die Entscheidung schon gefallen, auch wenn der offizielle Kabinettsbeschluss noch ausstand. Man werde »Lautenbach als Teilverwaltungsraum ausweisen«, mit anderen Worten, Lautenbach bleibt selbstständig, schrieb Mayer-Vorfelder bereits Ende Juli 1973 in einem Brief, der der Acher-Rench-Zeitung zur Einsicht vorlag. Mayer-Vorfelder beklagte darin noch, dass der Lautenbacher Antrag für den Erhalt der Selbstständigkeit ziemlich spät gekommen sei.
Zähneknirschend nahm man in Oberkirch die Entscheidung in Stuttgart zur Kenntnis. Doch bereits Anfang 1975 gab es im Oberkircher Rathaus einen erneuten Vorstoß. Im Rahmen der Feinabgrenzung zwischen den Gemeinden wollte man in Oberkirch den Lautenbacher Teil von Winterbach in Oberkirch eingliedern. Winterbach, dessen Gemarkungsgrenzen einst bis zur heutigen Burgstraße in Oberkirch reichten und das der Renchtalmetropole einen ansehnlichen Stadtwald bescherte, war 1936 von den Nationalsozialisten geteilt worden. Eine Hälfte wurde Oberkirch zugeschlagen, die andere Lautenbach.
Umgliederung abgelehnt
Knapp 40 Jahre später kam der Vorstoß, das geteilte Winterbach wieder zusammenzuführen. Doch auch dieses Ergebnis ist bekannt: Der Stuttgarter Referent begründete im Juni 1975 die Ablehnung in einem Schreiben damit, »dass es keine Veranlassung gibt, Winterbach umzugliedern«. Im Gegenteil: »Durch den Wegfall von 450 Einwohnern ist die Existenz der Gemeinde Lautenbach gefährdet.« Danach machten die Kommunalpolitiker beider Gemeinden ihren Frieden miteinander. In der Verwaltungsgemeinschaft bestehen seither enge kommunalpolitische Verflechtungen.
Der Eingliederungsvorstoß im Februar diesen Jahres hat indes bei vielen Lautenbachern wieder die Erinnerung an die über 30 Jahre zurückliegenden Ereignisse ins Gedächtnis gerufen. Mehr als 30 Jahre danach steht der Bürgerentscheid unter anderen Vorzeichen. Befürworter und Gegner der Selbstständigkeit gehen am 8. Juli von einem knappen Ergebnis aus.
»Der alte Strippenzieher aus Stuttgart« – dieses Etikett hängte die Frankfurter Rundschau Gerhard Mayer-Vorfelder an. Vor über 30 Jahren, als Lautenbach nach der Gemeindegebietsreform selbstständig blieb, spielte Mayer-Vorfelder als persönlicher Referent