Schmutzwasser: In 12 bis 14 Stunden ist dieser Fall geklärt
In der Oberkircher Kläranlage läuft vieles über Mikroorganismen / Faktor Mensch wichtig
Weitgehend ohne Chemie kommt die Oberkircher Kläranlage bei der Säuberung des Schumtzwassers aus. Die Arbeit machen stattdessen Mikroorganismen. Obwohl viele Prozesse vollautomatisiert sind, sind Abwassermeister Jürgen Kimmig und seine Mitarbeiter unverzichtbar.
Die Oberkircher Kläranlage ist ein echtes Individuum. »Sie finden in der ganzen Welt keine gleiche«, unterstreicht Bauamtsleiter Peter Bercher. Viele der Vorgänge dort gleichen denen in der Natur Das Prinzip ist stets das gleiche: Während Schmutzpartikel zurückbleiben bei einer Station und sich dort absetzen, ausgefällt oder aufgespalten werden, läuft das Wasser weiter zur nächsten Station.
Nach zwölf bis 14 Stunden verlässt es die Kläranlage, die rund um die Uhr läuft, in die Rench. Was zu Beginn des Prozesses noch eine braune Brühe war, ist nun wieder sauber. Das geklärte Wasser übertrifft die Grenzwerte »um ein Vielfaches«. Wir haben den Weg des Wassers mithilfe von Abwassermeister Jürgen Kimmig nachgezeichnet.
Am Abfluss: Händewaschen in der Oberkircher Innenstadt. Das Kanalisationsnetz in Oberkirch ist insgesamt 90 Kilometer lang. Das Wasser legt zwar nur einen Teil davon zurück, doch dennoch dauert es zwei bis drei Stunden, bis es angekommen ist am
Zulaufpumpwerk: Dort wird das Abasser zunächst zur Kläranlage hochgepumpt. 2,50 Meter Höhendifferenz sind zu überwinden.
Rechenanlage: Ein Stufenrechen, dessen Stäbe drei Millimeter Abstand haben, filtert zunächst die gröbsten Schmutzstoffe aus, organische Bestandteile werden ausgewaschen. Sie werden gepresst und entsorgt. Auf die Frage, welche kuriosen Gegenstände im Rechen schon hängen blieben, muss Kimmig passen. Der Rechen läuft vollautomatisch. Und wegen des bestialischen Gestanks, der im Gebäude herrscht, gehen die Klärwerksmitarbeiter nur im Notfall in die Rechenanlage
Sandfang und Vorklärbecken: Nachdem im Sandfang die mineralischen Bestandteile ausgeschieden werden, setzen sich 25 bis 50 Prozent der organischen Stoffe im Vorklärbecken ab. Sie sind schwerer als Wasser, hier wirkt also einfach die Erdanziehungskraft.
Denitrifikationsbecken: In drei Denitrifikationsbecken wandeln Mikroorganismen in einer sauerstoffarmen Umgebung den Nitratstickstoff und Nitritstickstoff um. Das Gas entweicht in die Atmosphäre.
Phosphatfällung: Die Beigabe von Eisen-III-Chloridsulfat sorgt dafür, dass Phosphor entzogen wird.
Belebungsbecken: Hier wird dem Abwasser nun Sauerstoff zugefügt. Auch hier machen Kleinstlebewesen die Arbeit und wandeln Ammoniak zu Nitrit und Nitrat um.
Zwischenklärbecken: Die Spreu vom Weizen trennt sich in den beiden Zwischenklärbecken. Das Belebtschlammgemisch setzt sich am Boden ab und wird von einem Bandräumer in einen Unterwassertrichter geschoben. Während sich für einen Teil des Schlamms der Prozess wiederholt, fließt das biologisch vorgereinigte Abwasser über Überfallkanten in den
Tropfkörper (großes Bild): Für diesen Vorgang ist die Unterstützung eines Pumpwerks nötig, denn der Tropfkörper ist sieben Meter hoch. Das Wasser wird mit Drehschwenkarmen gleichmäßig auf dem mit 3300 Kubikmeter Lavaschlacke gefüllten Betonbehälter verteilt. 20 Minuten braucht es zum Durchsickern. Hier wandeln Mikroorganismen die restliche Verschmutzung um.
Nachklärbecken: In den Nachklärbecken setzt sich der Schlamm ab. Er wird dem Kreislauf entzogen. Dem Schlamm wird Wasser entzogen, ehe es in den Faulturm kommt. Bei 35 Grad Celsius fault es aus. Das Gas wird zur Energieverwendung benutzt, der Schlamm entwässert, gepresst und im Heizkraftwerk der Papierfabrik Koehler verwertet. Für das geklärte Wasser heißt es unterdessen
Wasser marsch: Es fließt in die Rench ab.
Sämtliche Prozesse werden immer wieder im Labor kontrolliert. Trotz aller Technik ist aber der Faktor Mensch noch immer sehr gefragt im Oberkircher Klärwerk. Wenn etwas nicht stimmt, entdecken Kimmig und seine Kollegen das schon vor der Computerwarnung. Der Abwassermeister: »Wenn Flocken im Schlamm sind, brauche ich nicht warten, bis das Labor Nachricht gibt.«
STICHWORT
Kläranlage meistert auch starke Regenfälle
Die Menge an Schmutzwasser, die in der Oberkircher Kläranlage ankommt, ist nicht immer konstant – hohe Belastungen gibt es zum Beispiel bei starken Regenfällen. Bis zu 550 Kubikmeter Zulauf pro Stunde schafft die Anlage. Sollte nun bei einem Schauer mehr Regen anfallen, hilft ein Regenrückhaltebecken aus. Dort sammelt sich die erste Schmutzfracht. Ist der Regen vorbei, wird das Abwasser abgepumpt. Es durchläuft den gesamten Reinigungsprozess von vorne.
STICHWORT
Klärwerk in Zahlen
Klärleistung: 4000 Kubikmeter pro Tag, 2,12 Millionen im Jahr
Zulaufmenge an Abwasser: maximal 550 Kubikmeter pro Stunde
Energiebedarf: 854 700 kWh im Jahr 2009; davon 600 000 durch eigene Stromerzeugung abgedeckt. Das Gas, das in den Faultürmen entsteht, wird mithilfe von Generatoren zu Strom umgewandelt.
Betriebskosten: ca. 1,3 Millionen Euro jährlich
Mitarbeiter: drei Hauptamtliche und ein Auszubildender
Abwassermeister Jürgen Kimmig ist der Chef in Oberkirchs Kläranlage. Hier beobachtet er, wie vier Drehsprengarme das Abwasser gleichmäßig auf der Oberfläche des Tropfkörpers verteilen, der mit 3300 Kubikmetern Lavaschlacke gefüllt ist
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