Lernen fürs Leben nach der Schule

Veröffentlicht auf von Acher-Rench-Zeitung

Bei Projekten für Oberkircher Werkrealschüler stehen Selbstvertrauen und Sozialverhalten im Mittelpunkt

Mittwoch ist für die Ganztagsschüler der August-Ganther-Schule Projekttag. Bei Sport, Musik und Kreativem geht es nicht nur um die Vermittlung von Wissen, sondern vor allem um die Stärkung von Selbstvertrauen und Sozialverhalten. Und um die Vorbereitung auf die Lehrstellensuche.

 

Wortwörtlich auf der Kippe steht das Mountaibikeprojekt für die Ganztagsschüler an diesem Nachmittag. Auf einer wippenartigen Vorrichtung, die mitten im Schulhof aufgebaut ist Die Schüler müssen mit dem Fahrrad auf der einen Seite hochfahren, stehen bleiben, und auf der anderen Seite des 50 Zentimeter breiten Gerätes wieder hinunterfahren.
Karl Windberger weiß, wie es geht. In österreichischem Idiom gibt er seinen Schützlingen immer wieder Tipps – wie ein Lehrer, der er aber nicht ist. Windberger ist Projektleiter. Während die Fünft- bis Siebtklässler unter seiner Regie mountainbiken und Räder reparieren, bereiten ihre Mitschüler in einem anderen Kurs einen Makkaroniauflauf vor. Oder sie spielen Gitarre. Mittwochs von 14.45 bis 16.15 Uhr stehen Projekte auf dem Stundenplan der Ganztagsschüler.
Dreimal im Jahr haben sie die Wahl: Das Projekt, für das sie sich entscheiden, läuft dann rund drei Monate lang. Die Koordination und Organisation übernimmt Sozialarbeiterin Jutta Kempf. »Die ganze Bandbreite der Interessen soll abgedeckt werden«, sagt sie über die Projekte, die weitgehend von Honorarkräften geleitet werden (siehe Stichwort). Auch Jutta Kempf übernimmt eines: Respekttraining.
Hier geht es um soziales Lernen, um Regeln und um das Respektieren des anderen. Und um Prävention. Mit von der Partie ist auch ein Polizist, der in der Gruppe mitarbeitet. »Es ist uns ein Anliegen, dass präventiv gearbeitet wird und die Polizei nicht erst kommt, wenn etwas passiert«, begründet Schulleiterin Ursula Erdrich. Kempf lernt über das Projekt die Schüler besser kennen: »Für den Beziehungsaufbau ist das ideal«, weiß sie. »Durch gemeinsame Erlebnisse ist es einfacher, eine Vertrauensbasis zu schaffen.«
Die Kleingruppen sind altersgemischt und bestehen aus Fünft- bis Siebtklässlern. Nicht dabei sind die Achtklässler. Sie haben das Programm schon in den vergangenen drei Jahren durchlaufen. Auf sie wartet nun ein Erste-Hilfe-Kurs, ein Selbstverteidigungsprojekt und, ganz neu, das Projekt »Erfolgreich in Ausbildung«. Fördergelder des Europäischen Sozialfonds und die Unterstützung durch die Stadt und den Lions Club haben Letzteres möglich gemacht. Die Ganztagsschüler müssen, die Regelschüler können mitmachen bei dem Projekt, das in Kehl laut Ursula Erdrich »sehr erfolgreich war«. Sie hofft nun darauf, dass ihre Schule an die guten Erfahrungen aus der Grenzstadt anknüpfen kann.
Fit für die Bewerbung
Zwei Berufsberater stellen dabei nicht nur Berufe vor, sondern zeigen auch Bewerbungsstrategien auf. Wissen, dass die Schüler gut gebrauchen können. Wer nach der neunten Klasse abgeht, muss sich Ende der achten oder Anfang der neunten Klasse bewerben. Und wer erst noch den Werkrealschulabschluss macht, dem geht laut Jutta Kempf »nichts verloren«. Die Schüler stellen sich die Frage: »Was will ich später machen?«
Die Antwort darauf bleibt nachhaltig im Gedächtnis. Es geht um Lernen fürs Leben nach dem Unterricht und nach der Schulzeit. Erdrich bezeichnet den Ansatz deshalb als »ganzheitlich«. Bei »Erfolgreich in Ausbildung« ist die Persönlichkeitsentwicklung mindestens genauso wichtig wie die Wissensvermittlung rund ums Bewerben.
Dieser Grundsatz gilt auch im Mountainbikeprojekt. Am Anfang hätten sich vor allem die Mädels nicht viel zugetraut, erinnert sich Karl Windberger. Inzwischen haben sie große Fortschritte gemacht: »Sie fahrend die steilsten Abfahrten
hinunter.«

STICHWORT
Projekte kommen ohne Lehrer aus
Stadtjugendreferent Christian Kron, Sozialarbeiterin Jutta Kempf, Trainer von Sportvereinen, Lehrer der Musik- und Kunstschule – sie leiten die Projekte an der August-Ganther-Schule.« Für die Schüler ist es reizvoll, auch mal mit anderen Personen als Lehrern zu tun zu haben«, weiß Koordinatorin Jutta Kempf.
Und die Lehrer können den Nachmittag für Konferenzen nutzen, weil keine Kollegen im Ganztagsbetrieb abgeordnet sind.
Unter den Projektleitern ist auch Gisela Söllner: Seit 2008 kocht sie mit den Schülern. Tischdecken und gemeinsames Essen sind ebenso Teil des Projekts wie die Zubereitung der Speisen. Was es gibt, können die Kinder selbst vorschlagen. Gisela Söllner sorgt dann für eine »gesunde Verpackung«. Ein Beispiel: Es gibt keine fertigen Hamburger. Die Kinder formen sie aus Hackfleisch selbst. Und eine Gemüsekomponente ist inbegriffen.

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Soziales Lernen: Schulsozialarbeiterin Jutta Kempf (rechts) beim Respekttraining mit Oberkircher Werkrealschülern.

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Veröffentlicht in Oberkirch

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