Ein Wohnzimmer für Zweijährige
In der Igelgruppe des Haslacher Kindergartens Maria Goretti werden Kleinkinder behutsam integriert
Hochkonzentriert sitzt Noah am kleinen Tischchen in der Mitte des Raumes. In seinen Händen knetet er ein Stückchen Ton. Dieser Werkstoff gehört in der Igelgruppe des Kindergartens Maria Goretti zum guten Ton. Die Zweijährigen in der Gruppe lernen nämlich wortwörtlich begreifend Die Einrichtung des Raumes und das Spielzeug ist darauf abgestimmt.
An einer Tastwand können die Kinder ein glattes Fell ebenso erfühlen wie eine raue Oberfläche. Unterlegescheiben, die an einer Stange montiert sind, lassen sich nicht nur bewegen, sondern geben dabei auch noch surrende Geräusche von sich. »Die Kinder können hier ganz viele Sinneserfahrungen erleben«, weiß Erzieherin Monika Boschert.
Sie ist in der Gruppe eine der Hauptbezugspersonen der neun Zweijährigen – ebenfalls ein wichtiger Punkt bei der U 3-Betreuung. »Bildung setzt Bindung voraus«, erklärt Kindergartenleiterin Vera Busam. Eine enge Beziehung zu ihrer Erzieherin erleichtert den Kleinkindern das Lernen. Deshalb wird in der Kleinkindgruppe so wenig wie möglich variiert: zwei Erzieherinnen sind fest hier, die Vertreterinnen den Kindern ebenfalls bekannt.
In der Igelgruppe sind die Zweijährigen unter sich. Der Kindergarten hat sich gegen eine altersgemischte Gruppe mit Zwei- bis Sechsjährigen entschieden. »Das Ankommen ist für die Kinder so angenehmer«, erläutert Vera Busam.
Den größeren Kindern begegnen die Kleinen im Hof oder beim Liedersingen. Manchmal besuchen die Großen die Igelgruppe. Die Kinder kennen die anderen und betreten also kein Neuland, wenn sie die Igelgruppe nach ihrem dritten Geburtstag verlassen. »Die Durchlässigkeit ist da«, bestätigt Monika Boschert
Die 49-Jährige ist die Spezialistin für U 3-Betreuung im Kindergarten, der seit 2006 auch Zweijährige aufnimmt. Monika Boschert hat en bloc eine Weiterbildung zur Krippen-und Kleinkindpädagogin absolviert. Ihre Kolleginnen bereiteten sich berufsbegleitend auf die Arbeit mit den Steppkes vor.
»Wir wollen den Rhythmus der Kinder aufnehmen«, beschreibt Monika Boschert das Konzept, »viele von ihnen befinden sich erstmals in einer größeren Gruppe.« Der Ansatz zeigt sich am großflächigen Raum, in der Personalplanung, aber auch im Tagesablauf. Der ist für die Zweijährigen nämlich immer gleich, um ihnen Sicherheit zu geben. »Das Zeitgefühl entwickeln die Kinder erst kurz vor dem dritten Geburtstag«, so Boschert. Deshalb heißt es: ankommen, spielen, Stuhlkreis, essen, Hände waschen, spielen, ein Angebot zu aktuellen Themen, spielen und Stuhlkreis zum Abschied – und dann kommt die Mama.
Beim Spielen haben die Kinder viele Freiräume. Während Noah knetet, malt Lina an einem anderen Tisch. Jonas präsentiert inzwischen stolz einen Bauarbeiterhelm. Vieles ist in dieser frühen Lebensphase noch impulsgesteuert. »Die Kinder sind Bildungsnomaden«, so Monika Boschert. Sie probieren selbst aus, ob der Bauklotz in der Puppenecke genauso fliegt wie in der Spielecke.
Trotzdem müssen die Zweijährigen im Kindergarten ihre Impulse kontrollieren: »Sie lernen Grundkompetenzen«, so Boschert – zum Beispiel, dass man beim Essen sitzen bleibt.
Ein Bett im Nebenzimmer
Wenn sie vom ganzen Lernen etwas müde sind, können sie ins Nebenzimmer gehen. Dort sind zwei Bettchen aufgebaut. Der Ruheraum ist durch eine Tür direkt mit dem Gruppenraum verbunden – wie zu Hause. »Das ganze hat Wohnungscharakter«, erklärt Busam. Das dient den Kindern als Orientierungshilfe, schließlich verlassen sie zum ersten Mal für längere Zeit die elterliche Wohnung. Die Eingewöhnung erleichtert ihnen, dass zu Beginn die Eltern in der Gruppe dabei sind. »Sie halten sich zurück, signalisieren dem Kind aber so einfach, dass das ein sicherer Ort ist.«
Nach vier Tagen kommt es zur ersten Trennung – aber nur für einen kurzen Zeitabschnitt, später länger. Das Handy haben die Eltern in dieser Phase stets angeschaltet – für den Fall, dass die Sehnsucht ihrer Kinder zu groß wird. Nach zwei bis drei Wochen ist die Integration in den Kindergarten abgeschlossen.
Die Eltern sind aber auch jetzt noch immer präsent, wenn sie nicht da sind. Auf Fotos, die jedes Kind in einer Stoffsteckkommode aufbewahrt. Sein eigenes Bild zeigt den Kleinen, welches Fach seines ist. Pädagogisch durchaus wertvoll: In dieser Lebensphase geht es auch um Ich-Findung und Wir-Gefühl.
Eine Magnetwand, an der Fotos von den Kindern festgepinnt sind, zeigt den Kindern zudem, welche ihrer Alterskameraden da sind und welche fehlen. Jeden Morgen schauen die Erzieherinnen, wer da ist, und erläutern, wer warum fehlt. Sprechanlässe zu geben, ist ein weiterer Hintergedanke dabei.
Für Einjährige gerüstet
In gut zwei Jahren werden die Zweijährigen wohl nicht mehr die Jüngsten im Kindergarten Maria Goretti sein. Ab 2013 haben auch Einjährige Anspruch auf einen Kindergartenplatz. Die Grundlagen für die Arbeit mit noch kleineren Kindern sei durch die U 3-Betreuung geschaffen, so Vera Busam.
»Wir müssen sie altersadäquat verändern.« Allerdings müssen die Erzieherinnen bei den Einjährigen sich noch mehr um den pflegerischen Bereich kümmern – essen, anziehen, wickeln.
Wickeln gehört auch bei den zweijährigen noch dazu – mit einem Unterschied: Die Treppe, die zum Wickeltisch führt, dürfen sie selbst aufbauen und hochgehen.
Wohnzimmeratmosphäre: In der Igelgruppe des Haslacher Kindergartens Maria Goretti können Linus, Noah und Lina (von links) gemütlich die Fotos von ihrer Familie anschauen.
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