Alleinsein ist nicht das Gleiche wie Einsamkeit
Oberkircher Rentnerin erlebt Weihnachten wie jeden anderen Tag: alleine zu Hause
Nicht jeder erlebt Weihnachten als großes Fest der Familie mit Geschenken, Lichterglanz und Bratenduft. Viele sind über die Tage alleine. Dass Alleinsein nicht bedrückende Einsamkeit bedeuten muss, davon spricht eine Oberkircher Rentnerin. Sie ist nicht nur alleine, sondern auch arm – aber dennoch glücklich.
Weihnachten ist außergewöhnlich, verlockend, verzaubernd Lichterketten erleuchten Straßen, Gärten und Häuser, aus den Bäckereien riecht es verführerisch nach Plätzchen, Schaufenster sind reich an Glitzer und Geschenken und im Radio erklingen Lieder, die für die Weihnachtstage Freude, Harmonie und Liebe im Kreis der Familie und guter Freunde erwarten lassen. Annemarie B. (Name der Redaktion bekannt) ist alleine. Ohne Glitzer, ohne Christbaum, ohne Geschenke. »Ich bin daheim.« Das ist alles, was sie plant.
Die Oberkircherin ist nicht allein im Alleinsein. Und sie verbindet mit den anderen Menschen, die den Vorstellungen von Weihnachten in keiner Weise entsprechen, dass sie kein großes Bohei daraus macht. Die Weihnachtstage sind Tage wie alle anderen – ein ganz normales Wochenende. Das einzig Besondere, das sie Weihnachten abgewinnen kann, ist der Lichterglanz in den Oberkircher Straßen.
Doch auf den Straßen ist die 75-Jährige nur einmal in der Woche unterwegs. Nach einer Operation an einem Gehirntumor im Jahre 1990 ist sie unsicher auf den Beinen, auch das Sehen und Hören ist stark eingeschränkt. Sie gilt als 80-prozentig behindert. Der Gang auf den Trottoirs, im Gemenge mit anderen Menschen, das Queren einer Straße – all das sind für Annemarie B. Herausforderungen, denen sie sich nicht täglich stellen möchte.
Doch Klagen liegt nicht in der Natur der Schwarzwälderin. »Ich ärgere mich nicht darüber, was nicht mehr geht, sondern freue mich daran, was noch geht«, ist ihre Lebenseinstellung. Und auch den Umstand, dass von ihrer kargen Rente kaum etwas übrig bleibt, um sich besondere Wünsche zu erfüllen, nimmt sie gelassen. Weihnachten hin oder her. »Ich kaufe nur, was nötig ist«, sagt sie mit einem Lächeln im Gesicht. Ganz so, als sei das Nötige bereits sehr viel.
Einmal in der Woche, immer am Donnerstag, geht sie in die Oberkircher Innenstadt, um im Tafelladen zu besorgen, was sie zum Leben braucht. »Brot, Obst und Gemüse, Teigwaren, Zucker, Wurst oder mal
eine Do se mit Bohnen.« Für drei Euro ist ihr Korb gefüllt. Ihr Sohn bringt ihr all die zusätzlichen Dinge mit, die sie im Tafelladen nicht bekommt.
Annemarie B. kocht selbst, auch wenn es länger dauert als früher. Denn ihre Hände zittern immer wieder, so, als führten sie ein eigenes, selbst bestimmtes Leben.
Zwei- bis viermal im Jahr gönnt sich die Oberkircherin ein Frühstück im Städtle. »Mit frischen Brötchen«, betont sie, denn das ist etwas Besonderes. Damit belohnt sie sich für die Strapazen durch die Blutabnahme, die zur Kontrolle ihres Diabetes nötig ist. Ein Mittagessen nach einem anstrengenden Arztbesuch ist auch hin und wieder drin. »Und das genieße ich«, erzählt die Rentnerin. Zum Friseur geht sie nur, wenn es höchste Eisenbahn ist.
Ihr Mann starb 1993 im Alter von 65 Jahren – drei Jahre, nachdem sie die schwere Hirn-Operation hinter sich gebracht hatte. Alleine konnte Annemarie B. nicht mehr im Haus bleiben, das sie mit ihrem Mann gemietet hatte. Ihr Sohn, der sich mit seiner Familie in Oberkirch niedergelassen hatte, überredete sie, nachzukommen. Sie kam. »Aus Vernunftsgründen«, wie sie sagt. Sie hing an ihrem Haus, ihrem Garten, ihrer ehemaligen Gemeinde.
Seit dem Tod ihres Mannes lebt sie von rund 820 Euro im Monat. Sie erhält eine Rente von ihrem Mann und eine kleine Rente durch ihre eigene Arbeit in Fabriken und in Haushalten. Neben den Aufgaben als Hausfrau und Mutter war sie fast immer auch beruflich engagiert. Die Füße hochzulegen, müßig zu gehen, das war ihr fremd. Und dennoch bleiben ihr heute nach Abzug von Miete, Versicherungen, Rundfunkgebühren, Arztgebühren sowie Zuzahlungen zu Krankenhausaufenthalten und Medikamenten weniger als 300 Euro im Monat zum Leben. Finanzielle Hilfe vom Sohn möchte sie nicht annehmen. »Ich habe gelernt, mit wenig auszukommen«, erzählt sie, »ich bin dankbar für all das, was ich habe.«
Und das ist viel, wenn Annemarie B. das Leben heute mit dem ihrer Kindheitstage vergleicht. Sie wuchs als viertes von fünf Kindern in einem kleinen Schwarzwalddorf auf. Die Familie hatte, wie damals üblich, eine kleine Landwirtschaft mit zwei Kühen und einem Schwein. Ihre Kleidung trug Annemarie B. mehrere Tage hintereinander – Wäschewaschen war mühselig mit Hand. »Damals stank jeder«, lacht sie, »es fiel nicht weiter auf«.
Wollte sich die Familie ausgiebig pflegen, lieh sie den Badezuber des Nachbars aus. »Wir mussten auf vieles verzichten, aber es war dennoch schön«, erzählt Annemarie B. Geborgenheit empfing die Kinder, wenn sie nach Hause kamen, denn die Mutter war immer da. »Keine andere Generation hat einen so großen Umbruch erlebt wie unsrige«, ist sie sicher.
Weihnachten verbringt Annemarie B. alleine. Einsam fühlt sie sich jedoch nicht. Durch ihr positives Wesen hat sie auch in Oberkirch Kontakte geknüpft. Es gibt Menschen, mit denen die gläubige Rentnerin gemeinsam betet, oder nette Bewohner im Haus, die ihr die Acher-Rench-Zeitung und Magazine vererben. Manchmal besucht sie auch der Hund ihres Sohnes.
Annemarie B. (links Themenbild) liebt den Lichterglanz in den Oberkircher Straßen zu Weihnachten. Doch das Gehen fällt ihr nach einer schweren Operation schwer.
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