Trend zur Urnenbestattung

Veröffentlicht auf von Acher-Rench-Zeitung

In Oberkirch trägt man der demografischen Entwicklung und ihrer Folgen bereits Rechnung

Es ist ein Thema, über das eigentlich wenige gerne sprechen und das doch jeden berührt: die Bestattung. Doch gerade im sensiblen Bereich der Trauerkultur gibt es Veränderungen, die auch in Oberkirch zu spüren sind.

 

Majestätisch und ruhig liegt der große Oberkircher Friedhof mit seinen mächtigen Bäumen da. Rund 2500 Verstorbene haben dort derzeit ihre letzte Ruhestätte gefunden Doch während es bis vor rund 15 Jahren nahezu selbstverständlich war, sich in einem Sarg beerdigen zu lassen, wollen dies heute immer weniger Menschen. Denn seit Jahren steigt die Tendenz hin zur Einäscherung.
»Der Trend zur Urnenbestattung ist bundesweit feststellbar. Das liegt wohl an der demografischen Entwicklung und an oft anderen Familienstrukturen«, sagt Christoph Lipps, Leiter des Oberkircher Standes- und Ordnungsamtes, der dies auch mit Zahlen belegen kann. Denn während es im Jahr 2000 noch 24,7 Prozent Urnenbestattungen gab, stieg dieser Anteil bis 2009 auf 36,7 Prozent, 2008 lag er zwischenzeitlich gar bei über 41 Prozent. Der überwiegende Teil der Urnenbestattungen entfällt dabei mit rund 80 Prozent auf die Kernstadt, der Rest verteilt sich auf die Stadtteile. Doch obwohl der Wunsch nach einer Einäscherung auch im Renchtal zugenommen hat, »macht sich dies in den Großstädten noch stärker bemerkbar«, so Lipps.
Keine Urnenwände
Was es allerdings im Oberkircher Friedhof im Gegensatz zu manch anderen Städten nicht gibt, sind Urnenwände – und das aus mehreren Gründen

Zum einen hat die letzte Ruhestätte der Renchtalmetropole noch genügend Erweiterungsflächen, zum anderen können nach Ansicht der Verantwortlichen die »Urnenwände dem Wunsch nach individueller Trauerarbeit nicht gerecht werden.« Dazu komme der hohe Kostenaufwand für eine solche Wand, in der eine Urne mit den eingeäscherten Überresten des Verstorbenen nicht ewig verbleiben könne, so dass eine Zweitbestattung in einen bestimmten Teil des Gottesackers notwendig wird.
Doch da sich viele Menschen, neben der inneren Überzeugung, auch wegen des geringeren Pflegeaufwands für ein Urnengrab entscheiden, bietet die Stadtverwaltung Möglichkeiten für verschiedene Gräber an. Das heißt, diese Grabstätten können zu 60 Prozent oder ganz mit einer Abdeckplatte versehen werden. »Wir wollen uns der Aufgabe der veränderten Trauer- und Bestattungskultur stellen. Die Friedhofsverwaltung versteht sich hier als Dienstleistung für den Bürger, die sich mit den Änderungswünschen offen auseinandersetzt«, erklärt Christoph Lipps. Denn immer öfters komme es zudem vor, dass sich für die Grabpflege kein Angehöriger mehr findet.
Überhaupt bestehen verschiedenste Bestattungsmöglichkeiten. So gibt es Kaufgräber für bis zu vier Erd- und mehr Urnenbestattungen. Die Nutzungszeiten an diesen Kaufgräbern betragen generell 30 Jahre und können auf Wunsch verlängert werden. In den gekauften Grabstätten können zudem vier und mehr Urnen nach und nach beerdigt werden, was in Oberkirch auch schon geschehen ist, so Friedhofsverwalter Manfred Wissler.
Keine Verlängerung gibt es dagegen in den Reihengräbern, in denen die Toten 20 Jahre im Sarg oder der Urne ruhen, eine Nachbestattung eines Angehörigen oder Verlängerung sind nicht möglich. Auch Angehörige anderer Religionen könnten auf dem Sonderteil des Oberkircher Friedhofs beerdigt werden. »Doch bislang hatten wir noch keine Anfrage«, weiß Lipps, der auch von den anonymen Gräbern berichtet, die den Menschen vorbehalten sind, die entweder so bestattet werden möchten, oder für die trotz intensiver Nachforschungen keine Angehörigen mehr auszumachen sind. Elf Menschen fanden darin 2009 ihre letzte Ruhe.
Im historischen Teil des alten Friedhofes werden seit dem Jahr 1970 nur noch Personen in den vorhandenen Kaufgräbern beigesetzt. Diese Fläche, mit ihren teils denkmalgeschützten Grabsteinen und ihrer kulturhistorischen Funktion, ist, auch wegen der großen Familiengräber, ein Stück Stadtgeschichte, das besonders gepflegt und erhalten werden soll – ein Zeichen des ewigen Wandels im Leben wie im Sterben.
Zum Thema: Ein Interview mit Bestatter Benjamin Schwab (Seite 3).

Hintergrund
Friedhof im Oberdorf
In einer Festschrift zur »Hundertjahrfeier der Grundsteinlegung der katholischen Stadtpfarrkirche« aus dem Jahr 1963 heißt es auf Seite 19: »Um das Jahr 1818/20 wurde der Friedhof in das Oberdorf verlegt.« vom Kirchplatz.
Hans-Martin Pillin schreibt in Band I der Stadtgeschichte auf Seite 175 etwas vorsichtiger: »Spätestens seit den Jahren 1818/1820 begruben die Bürger Oberkirchs ihre Toten ausnahmslos auf dem Oberdorfer Friedhof, der infolgedessen im Jahr 1822 erweitert werden musste.«
Einen Friedhof hat es im Oberdorf (das lange eine eigene Pfarrei war) aber schon lange vorher gegeben. In einer Broschüre zur Kirchenausstellung im vergangenen Jahr steht: »Ende des 17. Jahrhunderts wurde der Friedhof rund um die Oberdorfer Kirche langsam auch von Bürgern der Stadt Oberkirch als Begräbnisort genutzt. 1818 war damit das Ende des Friedhofs in der Stadt gekommen.«
Im historischen Teil des alten Oberkircher Friedhofes werden seit dem Jahr 1970 nur noch Personen in den vorhandenen Kaufgräbern beigesetzt. Nutzungsrechte an neuen Kaufgräbern werden hier nicht mehr vergeben.

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Veröffentlicht in Oberkirch

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