Mieter sind völlig verzweifelt
Die Familie Jowanovic wohnt in einem Haus, in dem die Stadt Achern Obdachlose unterbringt
»Ich habe keine Kraft mehr ...«, sagt Slawica Jowanovic. Sie lebt mit ihrem Mann und dem 14-jährigen Sohn seit zehn Jahren in der Oberen Bergstraße in Oberachern. Weil das Haus auch als Obdachlosenunterkunft der Stadt dient, ist ihr inzwischen jede Lebensfreude genommen.
Eine günstige Mietwohnung war alles, was die Familie vor zehn Jahren brauchte. Die Stadt hatte eine und vermietet sie seitdem an die Familie jugoslawischer Herkunft Zoran Jowanovic legte all sein handwerkliches Geschick hinein, um die Dachwohnung in dem alten Haus an der Acher wohnlich zu gestalten. »Ich habe die Ölöfen ausgebaut und einen Holzofen installiert, das Bad gefliest, alles tapeziert und gestrichen«. Damals wohnten noch andere Familien in dem Mietshaus, das Klima stimmte.
In den vergangenen Jahren sind die anderen Familien nach und nach ausgezogen. Immer öfter brachte die Stadt Achern hier Menschen unter, die sonst auf einer Parkbank schlafen müssten. Oft bestimmt der Alkohol deren Leben – mit vielen Begleiterscheinungen: Es gibt lautstarken Streit, manchmal liegt jemand im Treppenhaus, es riecht nach Urin, niemand macht richtig sauber. Die Eingangstür ist beschädigt, die Wohnungstür der Familie Jowanovic wurde aufgebrochen.
Maden von Leichnam
»Ich habe Angst und ich habe keine Freunde«, sagt Slavica Jowanovic. »Bei dir im Haus stinkt es«, sagten Freunde ihres Sohnes und kamen nicht mehr. Nach ihrem Urlaub in der Heimat 2009 seien Maden auf ihrem Stockwerk herumgekrabbelt. In der Nachbarwohnung war unbemerkt ein Mann verstorben und dort wochenlang liegen geblieben. Geduldig hält Zoran Jowanovic ums Haus herum Ordnung, was man im Rathaus sehr schätzt. »Aber es kommen immer neue Leute und es wird immer schlimmer«, sagt der langjährige Mieter. Zur Zeit bekomme er Arbeitslosengeld, aber er suche nach einem Job. Seine Frau ist fünf Stunden pro Tag als Zeitarbeiterin in Achern beschäftigt
»Wenn wir genug Geld hätten, würden wir schon woanders leben«, so das Ehepaar. Doch eine Wohnung bis 450 Euro haben sie nicht gefunden. »Wir können alles selbst renovieren«, sagt die Mutter in der Hoffnung auf eine neue Bleibe: »Wir hatten schon so viele Absagen.«
Zustände sind bekannt
Das Haus sei auch schon vor zehn Jahren von Obdachlosen genutzt worden und es sei bekannt, dass nicht wirklich pfleglich mit der Substanz umgegangen wird, sagt Bürgermeister Dietmar Stiefel. »Die Umstände dort zu verbessern, liegt nicht in unserer Macht«, sagt er. Vielmehr gebe es dort in der Oberen Bergstraße noch Kapazitäten für mehr Obdachlose. Er gehe davon aus, dass sie ausreichen werden, wenn die zweite Unterkunft für diese Zwecke in der Spitalstraße aufgegeben wird (siehe Stichwort).
»Die Familie hat sicher Erfahrungen gemacht, die andere nicht machen müssen«, ahnt Stiefel. Den Jowanovics eine andere Wohnung anzubieten, sei ihm aber nicht möglich. Die Stadt besitze zwar weitere günstigen Mietwohnungen, doch dort sei nichts frei. Er hat Verständnis für die Familie. »Es wäre ihnen zu wünschen, dass sie etwas anderes finden.«
STICHWORT
Unterbringung von Obdachlosen
In zwei städtischen Häusern bietet die Stadt Achern derzeit Unterkünfte für Menschen ohne Obdach an. Eines steht in der Spitalstraße. Dort sind drei Wohnungen regulär vermietet und in einer Wohnung sind vier Personen ohne Obdach untergebracht. Das Haus ist im Doppelhaushalt der Stadt 2010/11 zum Verkauf vorgesehen und wird für diese Funktion danach nicht mehr zur Verfügung stehen.
Eine Bleibe in der Oberen Bergstraße in Oberachern haben derzeit sechs Männer ohne sonstige Unterkunft. Fünf leben in einer Wohnung, eine Person in einer weiteren. Zwei Wohnungen dort sind derzeit regulär vermietet.
Laut Bürgermeister Dietmar Stiefel ist an dieser Adresse noch Platz für weitere Menschen, die sonst keine Bleibe haben. Wenn das Haus in der Spitalstraße verkauft wird, soll das Haus in Oberachern die Menschen aufnehmen, die derzeit dort untergebracht sind.
Das Ehepaar Jowanovic lebt seit zehn Jahren in dem Haus, in dem die Stadt Achern Obdachlose unterbringt. Sie wünschen sich sehnsüchtig eine andere günstige Mietwohnung in Achern.
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