Landratsamt sieht keine Gefahr
Neue Messungen bringen neue Erkenntnisse: DMS wird möglicherweise seit Jahrzehnten konsumiert
Ein neu entdeckter Stoff im Trinkwasser beunruhigt viele Oberkircher: N,N-Dimethylsulfamid. Das Abbauprodukt eines Pflanzenschutzmittels wurde erstmals im Wasserwerk Waldbühnd gemessen – mit erhöhten Werten. Der Zweckverband Vorderes Renchtal musste zwar eine Ausnahmegenehmigung beantragen, doch laut Landratsamt besteht kein Grund zur Sorge.
| Ein bislang unbekannter Stoff im Trinkwasser besorgt viele Oberkircher Bürger: N,N-Dimethylsulfanid (DMS). Das Abbauprodukt des Pflanzenschutzmittels Tolylfluanid wurde erstmals in diesem Frühjahr im Trinkwasserbrunnen des Wasserwerks Waldbühnd nachgewiesen Die Konzentration lag bei 1,33 bis 2,31 Mikrogramm pro Litern und daher über dem Grenzwert von 0,1 Mikrogramm pro Liter. Oberkirch musste für das Trinkwasser, das aus den Hähnen in Oberkirch mit seinen Ortsteilen (ausgenommen Ödsbach), Ulm, Erlach und der Renchener Kniebisstraße fließt, ein Ausnahmegenehmigung beantragen. Sie wurde auf drei Jahre gewährt. Bislang unbeachtet | Die gefundenen Rückstände von Pflanzenschutzmitteln im Trinkwasser haben Verbraucher verunsichert. |
Das DMS wirft viele Fragen auf. Einige kann selbst das Technologiezentrum Wasser Karlsruhe ( www.tzw.de ) noch nicht beantworten, denn der chemische Stoff war bislang unentdeckt und unbeachtet. Dabei ist davon auszugehen, dass er bereits seit über 30 Jahren – so lange, wie Tolylfluanid in der Landwirtschaft eingesetzt wird – im Grundwasser vorkommt.
Gemessen wurde DMS bislang noch nicht, da nur gemessen wird, was bekannt ist. Wären im vergangenen Jahr nicht beachtliche finanzielle Mittel zur Analytik organischer Spurenstoffe wie Nitrosamine dem Forschungszentrum TZW bereitgestellt worden – wir wüssten heute nichts vom N,N-Dimethylsulfanid im Trinkwasser. Bei den Forschungen wurde das DMS als Ausgangsstoff für die krebserregenden Nitrosamine entdeckt.
Wolfgang Klattig, Geschäftsführer der Stadtwerke Oberkirch, geht davon aus, dass in Zukunft noch viel mehr entdeckt wird. »Man muss jedoch erst wissen, wonach man sucht«, erklärt er
Und die Entwicklung der Messtechnik müsse Schritt halten.
Gesucht wird nun seit Anfang diesen Jahres landesweit nach DMS im Trinkwasser. auch im Ortenaukreis. »In einer ersten Messkampagne haben wir diejenigen Brunnen anvisiert, in deren Nähe Landwirtschaft betrieben wird«, informiert Christian Eggersglüß, Pressesprecher des Landratsamtes Offenburg. Unter elf Wasserversorgern überschritten sieben den Grenzwert. Die Ergebnisse einer zweiten Messkampagne liegt in Kürze vor.
Bei allen Versorgern, bei denen das Trinkwasser die erlaubte Konzentration überschreitet, stehen alle drei Monate weitere Analysen an. So auch in Oberkirch. Da ab sofort die DMS-Analyse in das reguläre Messprogramm integriert wird, liegen bald auch die Werte der Brunnen im oberen Renchtal vor. Eggersglüß nimmt an, dass in den Tälern deutlich geringere Werte zutage kommen. Denn »DMS ist direkt mit dem Einsatz des Tolylfluanid gekoppelt.« Nach seiner Erkenntnis ist DMS nicht flüchtig und wird daher nicht über den Niederschlag transportiert. Hausinterne Mittel gegen DMS gibt es übrigens keine. Es lässt sich weder durch Abkochen, stoffliche Filter, noch durch mikrobielle Prozesse entfernen. Liegt seine Konzentration im Trinkwasser von Oberkirch noch in drei Jahren über dem Grenzwert, so muss der Zweckverband Vorderes Renchtal über neue Filtermethoden nachdenken. »Und das kann teuer werden«, so Klattig.
Drei »Grenzwerte«
Das Wort »Grenzwert« ist dehnbar. »Für jeden neu entdeckten Stoff im Trinkwasser gilt generell der Grenzwert von 0,1 Milligramm pro Liter«, erläutert Eggersglüß. So angewandt beim DMS. Das Umweltbundesamt hat bei der Erwägung der Gesundheitsrelevanz von DMS einen weiteren Wert in den Raum gestellt: Bei lebenslangem Genuss des Trinkwassers seien Höchstwerte von 1 Mikrogramm pro Liter akzeptabel (Pressemitteilung des TZW). Der Ortenaukreis orientiert sich hingegen nach einem noch höheren Grenzwert, dem »Maßnahmewert«. Er liegt bei 10 Mikrogramm pro Liter und wurde in einer Verordnung des Landes festgesetzt. Und das Land wiederum beruft sich auf eine Einschätzung des Bundesumweltamts.
»Es darf nicht der Eindruck entstehen, dass Grenzwerte willkürlich nach oben gesetzt werden«, warnt auch Oberbürgermeister Matthias Braun vor Panikmache.
Wissenschaft gefragt
Da die Konzentrationen des DMS in der Ortenau überall unter dem Maßnahmewert liegen, gibt der Kreis Entwarnung. »Für die Bevölkerung besteht nach derzeitigen wissenschaftlichen Erkenntnissen keine gesundheitliche Gefährdung«, beruhigt der Pressesprecher.
Die weiteren wissenschaftlichen Erkenntnisse stehen noch aus. Ein Vorstoß des TZW in Richtung Verbraucher- und Umweltschutz stimmt hoffnungsvoll: Es fordert, dass die Zulassung von Massenchemikalien, die ins Grundwasser gelangen, zukünftig an den Nachweis gebunden sein müssen, dass »aus ihren Rückständen und Metaboliten bei Wiederaufbereitungsprozessen keine gesundheitlich bedenklichen Transformationsprodukte entstehen«.
Die gefundenen Rückstände von Pflanzenschutzmitteln im Trinkwasser haben Verbraucher verunsichert.