»Fordern, aber nie überfordern«
Friedemann Nikolaus über seine 40-jährige Tätigkeit als Dirigent / Herbstkonzert am Samstag
Eine der profiliertesten Persönlichkeiten in der breitgefächerten Chorleiter-Riege der Region ist der aus Großweier stammende Friedemann Nikolaus. Am kommenden Wochenende feiert der Gesangverein »Frohsinn« in Achern-Großweier sein traditionelles Herbstkonzert Hier hat auch der Chor »Crosvilare« mit seinem Dirigenten Friedemann Nikolaus seinen Auftritt. Seit dem Jahre 1970 ist Nikolaus nun Dirigent beim »Frohsinn«. Anlässlich seines 40-jährigen Dirigentenjubiläums sprach Friedemann Nikolaus mit der ARZ über sein »schönstes Hobby der Welt«.
Wie, wann und in welchem Alter sind Sie zum Gesangverein »Frohsinn« Großweier gekommen?
Friedemann Nikolaus: Ich kam im Alter von 19 Jahren durch meinen Vater nach Großweier und habe den dortigen Männerchor im Spätjahr 1970 übernommen.
Wann haben Sie mit dem Dirigieren begonnen und wer hat Sie hierzu inspiriert oder welche Beweggründe waren für Sie ausschlaggebend Chorleiter zu werden?
Nikolaus: Ab dem 14. Lebensjahr war Chorgesang für mich ein Thema. Damals habe ich bei Konzerten des Gesangvereins Wagshurst schon die Klavierbegleitung übernommen und habe im Männerchor bedingt durch meine Stimmveranlagung im zweiten Bass gesungen. Vertretungsweise habe ich dort für meinen Vater auch das eine oder andere Mal den Chor dirigiert.
40 Jahre Singen und Dirigieren, was hat sich in dieser Zeit bei Ihnen den Chören und der Musik geändert?
Nikolaus: Bei der Musik hat sich wenig geändert. Heute wie damals gilt: Die Qualität und der Anspruch, den man persönlich mit einem Werk verbindet, zeigt, ob es als »gut« oder »schlecht« empfunden wird.
...und bei Ihnen und den Chören?
Nikolaus: Bei den Chören hat sich vieles verändert
Die Insel der Glückseligen, auf der sich viele Vereine gewähnt hatten, ist stellenweise schon lange in einem Meer der Ernüchterung und der verzweifelten Suche nach Konzepten für die Zukunft untergegangen. Bei mir hat sich wenig geändert. Ich lege auch heute noch wie damals immensen Wert auf Qualität. Ich nutze allerdings heute auch intensiv die Möglichkeiten der Technik für einen zeitgemäßen Chorgesang.
Sie waren einer der Vorreiter von Projektchören. Wo liegt die Zukunft des Chorgesanges?
Nikolaus: Die Zukunft von Chorgesang im Allgemeinen liegt nach wie vor in der Qualität des Gesangs. Es genügt heute nicht, ein paar billige Schlager zu trällern und schon ist man modern geworden. Dort, wo Projektchöre als Bereicherung verstanden werden und sie professionell betreut werden, ist der Erfolg auch deutlich zu sehen. Da wo Projektchöre nur als Stimmenfang für den eigenen Verein und damit nur ein Abklatsch des bestehenden Chores sind, sorgen sie eher für negative Werbung und Motivation für den Chorgesang. Dies gilt im kirchlichen wie weltlichen Bereich gleichermaßen.
Wie sehen Sie das Überleben der Gesangvereine, vor allen Dingen der reinen Männerchöre, und wie wird sich hier die Chorlandschaft verändern (müssen)?
Nikolaus: Die Chorlandschaft wird sich erheblich in den nächsten Jahren verändern. Reine Männerchöre werden sukzessive verschwinden und neuen Möglichkeiten der Chormusik Platz machen. Gesangvereine wird es in naher Zukunft nicht mehr flächendeckend geben. Es wird vermehrt regional und auch überregional zu Zusammenschlüssen kommen, um die verbleibenden Chöre so zu stärken, dass sie eine positive Zukunftserwartung haben.
Welchen Stellenwert hat hier die Jugendförderung mit Bildung von Kinder- und Jugendchören?
Nikolaus: Die Bildung von Kinder- und Jugendchören war und wird immer ein Thema sein, wenn es darum geht, Chorgesang für den Nachwuchs interessant zu machen. Ein großer Fehler haftet diesen Chören aber immer noch an. Sie werden oftmals dazu missbraucht, den eigenen Sängernachwuchs im Verein zu garantieren. Überall, wo dies im Vordergrund steht, wird man kläglich scheitern. Es gibt hier genügend negative Beispiele solchen Handelns.
Wie stehen Sie zum traditionellen Liedgut?
Nikolaus: Ich stehe der traditionellen Musik sehr positiv gegenüber. Leider genügen viele Chöre dem Anspruch dieser Chormusik heute absolut nicht mehr.
Gibt es besondere Tricks und Kniffe bei der Einstudierung von Chorliteratur?
Nikolaus: Den einzelnen Chorsänger zwar fordern, aber nie überfordern.
Wie schaffen Sie es, Frauen und Männer für Spirituals oder Gospels in englischer oder sogar afrikanischer Sprache oder sakrale Chorliteratur in Lateinisch zu begeistern?
Nikolaus: Nicht ich muss sie für solche Musik begeistern, sondern die Musik selber begeistert die Sänger und da spielt die Sprache überhaupt keine Rolle.
Haben Sie sich mal Gedanken gemacht, wie viele Stunden Sie in den vergangenen 40 Jahren für Ihr »schönstes Hobby«aufgebracht haben und unterwegs waren?
Nikolaus: Ich habe meine Arbeit nie als Last empfunden und so habe ich auch nie irgendwelche Stunden gezählt. Ich habe eigentlich immer mehr zurückbekommen, als ich selber eingebracht habe.
Haben Sie sich schon Gedanken übers Aufhören gemacht?
Nikolaus: Natürlich wird auch dieser Zeitpunkt kom-men. Ich werde es dann wie bei allen meinen Aktivitäten in meinem Leben halten. Ich werde aufhören, solange ich selbst den Zeitpunkt bestimmen kann und nicht, wenn äußere Einflüsse für das Ende sorgen.
STICHWORT
Dirigent Nikolaus
Der 59-jährige, in Großweier wohnende Friedemann Nikolaus leitet nicht nur den Gesangverein »Frohsinn«. Im Jahre 1970 hat er als Dirigent des Männerchores begonnen.
Momentan betreut Friedemann Nikolaus fünf Chöre in drei Vereinen, den Chor »Crosvilare« Großweier, den Kinder-, Jugend- und Erwachsenenchor in Wagshurst, sowie den Männerchor Mösbach.
Lange Jahre leitete Friedemann Nikolaus (am Klavier) den Männerchor in Großweier. Dort ist er weiterhin als Leiter des Chors »Crosvilare« tätig.
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