»Am Konzept festhalten«
Fanserie: Tobias Ernst aus Oberkirch ist seit Anfang der 90er Jahre Fan des SC Freiburg
In einer Serie stellt die ARZ Fußballfans aus der Region vor, die einem ganz bestimmten Verein die Treue geschworen haben. Heute erklärt Tobias Ernst (29) aus Oberkirch, warum zu große Risikobereitschaft auch schnell nach hinten losgehen kann
Herr Ernst, was sind Ihre ersten Erinnerungen an den SC Freiburg?
Tobias Ernst: Mein erstes Live-Spiel war am 8. August 1992 gegen Carl-Zeiss-Jena. Damals spielte Freiburg noch in der 2. Bundesliga. Mein Bruder, Student in Freiburg, nahm mich als 11-Jähriger mit ins überschaubare Dreisamstadion. Wir hatten Stehplatzkarten. Damit ich als kleine Person etwas sah, haben wir eine Sprudelkiste mit rein genommen, auf der ich das Spiel verfolgen konnte. Wenn man das mit den heutigen Sicherheitsstandards vergleicht! Der Sportclub gewann damals mit 3:1 und ich war sofort begeistert.
Wie ging es danach mit Ihrer Leidenschaft für den Verein weiter?
Ernst: In der Saison ist Freiburg das erste Mal in die Bundesliga aufgestiegen. Solange mein Bruder in Freiburg studiert hat, sind wir öfters zu einem Spiel gegangen. Mein anderer Bruder ist Bayern-Fan, da war es für mich als Lokalpatrioten natürlich nicht schwer, sich für einen Verein zu entscheiden (schmunzelt). Heute wohne ich in Freiburg und bin in rund zehn Minuten mit dem Fahrrad im Stadion. Im Laufe der Zeit habe ich mir sämtliche Trikots und Schals gekauft, das Übliche halt. Demnächst will ich ein Museum eröffnen (lacht).
Was sind aus Ihrer Sicht die sportlichen Highlights des Sportclubs?
Ernst: Titel gab es bisher ja leider keine – außer der 2. Liga-Meisterschaft. Auf nationaler Ebene waren die Aufstiege, aber auch die zweimalige Teilnahme am Uefa-Pokal, Höhepunkte
Der dritte Platz 1995 würde heutzutage sogar zur Champions-League-Qualifikation berechtigen. Auch das 5:1 gegen Bayern München 1994 war sensationell.
Der in letzter Sekunde gesicherte Nichtabstieg in der Saison 1993/94 – der SC war drei Spieltage vor Schluss nach der 2-Punkte-Regel schon sechs Punkte vom rettenden Ufer entfernt – war ebenfalls beeindruckend.
Diese Erfolge verbindet man zwangsläufig mit dem langjährigen Trainer Volker Finke.
Ernst: Es ist schon grandios, mit welchen finanziellen und strukturellen Mitteln das möglich gemacht wurde und was er geleistet hat. Bei vielen anderen Mannschaften wären die Erfolge mit Meisterschaften vergleichbar gewesen. Nach so langer Zeit war es aber nicht zu verhindern, dass auch diese Ära einmal zu Ende geht. Es ist aber schön zu sehen, dass es trotzdem noch eine Langfristigkeit in diesem Verein gibt, sicherlich eher die Ausnahme im heutigen Fußballgeschäft. Mit Robin Dutt hat ein guter Umbruch stattgefunden, er ist ein würdiger und kompetenter Nachfolger.
Das Besondere am SC Freiburg scheint die Nachhaltigkeit der Arbeit zu sein?
Ernst: Ich hoffe, der Verein hält an seinem Konzept der langfristigen Planung mit guter Jugendarbeit fest. Wenn man den Etat mit anderen Vereinen vergleicht, ist es eher Normalität, wenn der Club absteigt oder mal 0:6 verliert (lacht). Im Rahmen der Möglichkeiten ist das kein Weltuntergang, so lange man nicht im Mittelmaß der 2. Liga versinkt. Erfolg ist zwar das Ziel, aber nicht mit blindem Aktionismus. Manchmal hätte ich mir vielleicht mehr Risikobereitschaft gewünscht, aber Fehlentscheidungen können auch alles ganz schnell kaputtmachen.
Das Umfeld des Vereins ist aber für den sportlichen Erfolg recht günstig, oder nicht?
Ernst: Der Star ist eindeutig die Mannschaft. Als Spieler oder sogar als Bundestrainer kann man sich in Freiburg problemlos in der Stadt bewegen, ohne ständig angequatscht zu werden. Das Umfeld ist beschaulicher als in anderen Städten, wo auch ein viel größerer Druck seitens der Medien herrscht. Auf der anderen Seite sind die finanziellen Mittel im Wirtschaftsumfeld Südbaden beschränkt.
Wie wichtig ist Ihnen denn der sportliche Erfolg des Vereins?
Ernst: Manchmal kann es ganz schnell gehen: Nach einem schweren Kart-Unfall schwebte der Junioren-Nationalspieler Ömer Toprak in Lebensgefahr. Jetzt geht es ihm zum Glück wieder besser, aber man sieht: Es gibt Wichtigeres als Fußball. Mit der Zeit wird man als Fan ruhiger und sieht alles nicht mehr ganz so emotional.
Wie empfinden Sie die Wahrnehmung des Vereins in der Öffentlichkeit?
Ernst: Die nationale Wahrnehmung ist eher gering. Einige wissen oftmals gar nicht, in welcher Liga Freiburg spielt. Einerseits ist der Club Sympathieträger, andererseits ein kleiner Fisch – das »St. Pauli des Südens«.
Ich bin stolz auf die spezielle Fankultur des Vereins. Die Stimmung ist vielleicht nicht immer so groß, dafür aber fair und friedlich. Rivalität kann verschieden interpretiert werden und gehört dazu, solange sie nicht zu Gewalttätigkeiten führt.
STICHWORT
SC Freiburg
Der SC Freiburg wurde 1904 gegründet und stand lange im Schatten des Stadtrivalen Freiburger FC. Erst als Anfang der 70er Jahre Achim Stocker, bis zu seinem Tod im letzten Jahr, als Präsident bei den Badenern einstieg, änderte sich die Vormachtstellung. In der 16-jährigen Ära von Trainer Volker Finke (1991-2007) erlebten die »Breisgau-Brasilianer« ihre größten Erfolge mit den Aufstiegen 1993, 98 und 2003, sowie den beiden Uefa-Cup-Teilnahmen 1995/96 und 2001/02. Im Jahr 2008 stieg der Club unter dem neuen Trainer Robin Dutt zum vierten Mal auf und spielt seither wieder in der Bundesliga. Die Heimstätte des SC Freiburg ist das Badenova-Stadion mit einer Kapazität von 25 000 Zuschauern. wun
Zur Person
Tobias ErTobias Ernst ist in Oberkirch aufgewachsen. Nach erfolgreichem Studium der Betriebswirtschaftslehre in Aachen und der Medien- und Kommunikationswissenschaften an der Hochschule Offenburg, schreibt er im Moment an seiner Masterarbeit. Der 29-Jährige ist ledig und wohnt in Freiburg. Seine größten Hobbys neben dem SC Freiburg sind Tennis und Fotografie.
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