»Wir leben im Schlaraffenland«
Ärztin Andrea Kranen leistete humanitäre Hilfe im Niger / »Zeitsprung um Jahrhunderte zurück«
Im Sommer war die Oberkircher Kinderärztin Andrea Kranen-Sutter vier Wochen lang im Niger Für die Hilfsorganisation Humedica kümmerte sie sich im zentralafrikanischen Staat um unterernährte Kinder und half beim Aufbau einer Triage, einem System zur möglichst gerechten Aufteilung der knappen Mittel unter den Kranken. Es war ihr erster Einsatz dieser Art. Von ihren Erfahrungen berichtet die 50-Jährige am Montag, 29. November, 20 Uhr, im evangelischen Gemeindehaus in Oberkirch. Der ARZ hat sie im Interview schon vorab von ihrem Einsatz erzählt.
Warum engagieren Sie sich in der Dritten Welt?
Andrea Kranen-Sutter: Wir leben bei uns im Schlaraffenland. Ich möchte, dass ein bisschen von dem vielen, das wir haben, bei denen ankommt, die nichts haben.
Warum fiel Ihre Wahl auf den Niger?
Kranen-Sutter: Ich habe mich 2009 bei Humedica für einen vierwöchigen Einsatz beworben. Das Land habe ich offen gelassen. Ich hatte gewisse Präferenzen – Athiopien oder Haiti. Das war vor dem Erdbeben. Ich bin ganz froh, dass ich da nicht hingekommen bin.
Wie sehr haben Sie die Zustände im Niger überrascht?
Kranen-Sutter: Ich habe mich bei einem Kollegen aus Karlsruhe erkundigt, der schon dort war. Und ich habe mir Bilder zeigen lassen. Aber ich hätte nicht so viele Menschen mit Hautinfektionen erwartet und keine so flächendeckende Unterernährung. Es war mir nicht klar, dass es dort so viele sehr magere Menschen gibt.
Im Niger gab es eine Hungersnot. Was war der Auslöser?
Kranen-Sutter: Hungersnöte gibt es im Niger ziemlich periodisch. Es ist ein Wüstenstaat, der vom Klimawandel ziemlich betroffen ist. Es gibt also nicht viel Wasser. Zudem gibt es, gemessen an der landwirtschaftlichen Produktion des Landes, viel zu viele Menschen. Die Geburtenrate liegt seit Jahren bei 7,4 Kindern pro Frau. In der Landwirtschaft herrschen Zustände wie in der Steinzeit. Einer gräbt mit der Hacke ein Loch, ein anderer legt Körner hinein, der dritte scharrt das Loch mit den Füßen zu. Es gibt abseits des Flusses Niger keine Bewässerungssysteme. Brunnen sind da, aber keine Wasservorratshaltung. Wenn der Regen kommt, ist es gut, andernfalls müssen die Menschen hungern.
Inwiefern konnten Sie angesichts dieser Situation als Kinderärztin helfen?
Kranen-Sutter: Wir haben ein Triage-Programm aufgebaut, alle Kinder gemessen und gewogen, um zu schauen, wer unsere Hilfe am nötigsten hat. Wir haben die Vorarbeiten zu einem Ernährungsprogramm geliefert, das nun mithilfe des Auswärtigen Amtes und des World Feeeding Programme angelaufen ist. Diejenigen, die stark unterernährt sind, erhalten alle zwei Wochen Säcke mit Reis, Zucker, Bohnen und Öl, um sich und ihre Familie in dieser Zeit ernähren zu können. Diejenigen, die am schlimmsten dran sind, erhalten zudem hochkalorische Zusatznahrung, Nußpaste mit viel Eiweiß und Mineralstoffen
Was waren Ihre weiteren medizinischen Aufgaben?
Kranen-Sutter: Da ist die Behandlung von Malaria ein Thema. Die rafft die Unterernährten besonders dahin. Zudem gibt es Infektionskrankheiten jeglicher Couleur, die wir behandelt haben.
Woran fehlt es neben Nahrung noch?
Kranen-Sutter: Ein Glasfläschchen, das man braucht, um ein Baby zu füttern, kostet dort sieben Euro. Das ist ein absoluter Luxusartikel, weil alle Mütter stillen. Und wer nicht stillt, der hat eine Ziege. Und wer keine Ziege hat, dessen Kind stirbt.
Der Gegensatz zu Ihrem Berufsalltag in Oberkirch könnte also kaum extremer sein.
Kranen-Sutter: Im Distrikt, in dem ich im Niger tätig war, gab es drei Ärzte für 800 000 Menschen. Einen staatlichen Arzt, der nicht mehr arbeitet, meinen Chefarzt und mich. In den großen Städten gibt es zwar niedergelassene Ärzte, aber dort müssen die Leute für die Behandlung bezahlen.
Wie wurden Sie auf einen solchen Einsatz vorbereitet?
Kranen-Sutter: Es gab bei Humedica ein Basis- und ein Aufbautraining. Das muss man machen. Man erfährt dabei, was man vor Ort machen darf und was nicht. Man lernt Grundlagen über Tropenmedizin, die Struktur einer Nicht-Regierungs-Organisation (NGO) und Notfalleinsätze. Man kommt gewöhnlich irgendwo hin, wo das Chaos tobt und nichts funktioniert. Wie baut man ein Zelt auf? Was muss in meinen Notfallkoffer? Wie errichte ich eine Triage? Wie kann ich das Wenige, das ich habe, so verteilen, dass möglichst viele davon profitieren?
Also viel Organisationsarbeit.
Kranen-Sutter: Ja. Man muss absprechen, wer was übernimmt, Tragen und Transporte abklären. Wer Organisator bei Humedica werden will, braucht noch eine Zusatzausbildung. Ich wollte aber nicht bei meinem ersten Auslandseinsatz gleich ins totale Chaos.
Was darf man als Helfer und was sollte man bleiben lassen?
Kranen-Sutter: Der Niger ist fast vollständig islamisch. Humedica ist eine christliche Organisation, auch wenn das nicht im Vordergrund steht. Gespräche über Religion sind verboten, wir haben keinen missionarischen Auftrag. Zudem mussten wir uns strikt apolitisch verhalten. Im Niger gab es im Februar einen Militärputsch. Wir wurden dem Gouverneur vorgestellt, weil der wissen will, welche Menschen in seinem Land sind. Da mussten wir einen Bückling machen.
Wie haben Sie sich im Alltag angepasst?
Kranen-Sutter: Ich trug traditionelle Kleidung, d. h. einen langen Rock und ein Oberteil, das die Oberarme bedeckt. Die Haare muss ich als Christin zwar nicht bedecken, aber kurze Röcke und Jeans sind tabu. Wir passen uns so weit an, dass eine reibungslose Arbeit im humanitären Bereich möglich ist.
Zum Beispiel?
Kranen-Sutter: Wir haben in der Klinik ein Gebärzimmer. Es ist unser ganzer Stolz, dass ein Mann seiner Frau erlaubt hat, bei uns, den Weißen, ihr Kind auf die Welt zu bringen. Das ist ein riesiger Vertrauensbeweis. Das geht nur, wenn man sich bevölkerungskonform verhält.
Was hat Ihre Familie gesagt, als Sie von Ihren Plänen erzählt haben?
Kranen-Sutter: Mein Mann weiß, dass ich schon lange vor hatte, das zu tun. Er hat mich unterstützt. Aber er war selbst ein halbes Jahr in einem israelischen Kibbuz, für ihn ist das Leben im Ausland nichts Fremdes. Meine Kinder standen dem etwas ambivalenter gegenüber. Sie mussten während meiner Abwesenheit den Haushalt führen. Aber sie waren stolz auf sich, dass sie das ohne mich geschafft haben, und stolz auf mich.
Sind Sie froh, wieder zu Hause zu sein?
Kranen-Sutter: Ja, schon. Es war nicht so, dass ich die Tage bis zur Heimreise gezählt habe. Ich wäre auch sechs Wochen geblieben. Aber ich habe mich noch mit einer Malaria angesteckt und war dann doch froh, wieder unter der Obhut des deutschen Gesundheitssystems zu sein.
Wie war die Rückkehr ins Berufsleben in Oberkirch?
Kranen-Sutter: Sie war schwierig, weil der Unterschied zwischen Niger und hier so krass ist. Wenn man in den Niger fliegt, macht man einen Zeitsprung um ein paar Jahrhunderte zurück. Mit einer Ausnahme: Jeder hat ein Handy. Aber das Geld, um Prepaid-Guthaben aufzuladen, haben die Wenigsten.
Wohin führt Ihr nächster Einsatz?
Kranen-Sutter: Das weiß ich nicht. Dadurch, dass man die Reise und die Unterbringung selbst bezahlen muss, muss ich im nächsten Jahr nicht zwingend nochmal in den Niger. Aber ich werde mit Sicherheit noch einmal so etwas machen.
STICHWORT
Humedica
Hilfe für Menschen, die durch Katastrophen oder strukturelle Armut in Not geraten sind – das sind die Ziele von Humedica. Die Organisation vermittelt unter anderem ehrenamtlich tätige Ärzte und Krankenpfleger in die betroffenen Gebiete. Vor Ort arbeitet Humedica jeweils in Kooperation mit lokalen christlichen und humanitären NGOs (Nicht-Regierungs-Organisationen) zusammen.
Spenden für das Niger-Projekt sind möglich an humedica e.V., Stichwort »Hunger Niger«, Konto 47 47 bei der Sparkasse Kaufbeuren (Bankleitzahl 734 500 00).
STICHWORT
Wüstenstaat Niger
Zwischen Algerien und Nigeria liegt der westafrikanische Staat Niger. Zwei Drittel der Fläche bestehen aus Wüsten, die zur Sahara gehören, der Rest ist Teil des Sahel. Die Bevölkerung hat sich seit 1960 vervierfacht. Knapp die Hälfte der zwölf Millionen Einwohner ist unter 15 Jahren. 70 Prozent der Männer und 90 Prozent der Frauen sind Analphabeten.
Vier Wochen lang kümmerte sich die Oberkircher Ärztin Andrea Kranen-Sutter im Niger vor allem um unterernährte Kinder.
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