Zivis bald nicht mehr gefragt?

Veröffentlicht auf von Acher-Rench-Zeitung

Geplante Dienstzeit-Verkürzung stößt im Renchtal auf Kritik / Alle Betroffenen als Verlierer

Zivildienstleistende sind im Renchtal gern gesehenen Hilfskräfte. Die Pläne der Bundesregierung, die Dienstzeit von neun auf sechs Monate zu verkürzen, stößen im Tal nicht nur bei den betroffenen Einrichtungen auf Kritik.

 

http://www.baden-online.de/news/images/news_lokales/artikel_arz/18556_1.jpgEs könnte einen gravierenden Einschnitt bedeuten »Wenn man bedenkt, wie lange es braucht, bis die jungen Männer eingearbeitet sind und wie oft sie innerhalb der Zeit auf Lehrgängen oder im Urlaub sind, werden wir es uns wirklich überlegen, ob wir nochmals Zivildienstleistende einstellen.« Waltraud Bickl leitet das Altenpflegeheim in Oberkirch und beschäftigt dort zwei Zivis. Also zwei junge Männer, die anstelle des Militärdienstes einen so genannten zivilen Ersatzdienst leisten. Einer arbeitet im Pflege- und einer im hauswirtschaftlichen Bereich.
»Ins Herz geschlossen«
Vermissen möchte Bickl sie eigentlich nicht. Auch Friedhilde Hesse vom Pflegedienst Hodapp und Hesse nicht. »Wir haben gute Erfahrungen mit ihnen gemacht«, so die Geschäftsführerin. »Unsere alten Menschen haben sie immer wieder ins Herz geschlossen.« Eine Bereicherung nennt sie die Zivis für die Bewohner und Gäste der Tagespflege. Doch auch für die jungen Männer selbst, die auf ihrem täglichen Rundgang durch die betreute Wohnanlage die Taschen mit Bonbons und Schokolade gefüllt bekommen, sei die Zeit wertvoll. »Sechs Monate aber, da überlegt man sich, ob man nicht auf 400-Euro-Kräfte etwa für den Fahrdienst zurückgreifen muss, um kalkulieren zu können.« Solch eine Entwicklung könnte sich für den Pflegebereich negativ bemerkbar machen. Denn der ein oder andere junge Mann hat über den Zivildienst seinen Weg in die soziale Arbeit gefunden.
Wie zum Beispiel Patrick Vilmin, ein junger sympathischer Mann aus Renchen-Erlach. Er hatte nach seinem Realschulabschluss schon eine Zusage für eine Ausbildung zum Energieelektroniker in der Tasche. Davor wollte er noch seinen »Zivi machen«

»Ich habe hier in Pflegeheim am Kurpark in Ottenhöfen 2002 mit dem Zivildienst angefangen und hatte keinerlei Ahnung von der Pflege, eigentlich eher einen großen Schritt um das Leid der alten Menschen herum gemacht.« Als seine Großmutter ins Krankenhaus musste, schaffte er es nicht, sie zu besuchen. »Ich konnte es einfach nicht ertragen, sie da so hilflos liegen zu sehen. Und später wollte ich mich dann doch der Tatsache stellen und vielleicht auch wieder etwas gutmachen.«
Wer Vilmin heute erlebt, mit welcher Freude er seine Arbeit verrichtet, wie liebevoll er begleitet und unterstützt, weiß ihn am richtigen Ort. Nach dem Zivildienst hatte er seine Lehrstelle aufgegeben und sich in der Altenpflegeschule angemeldet. Heute ist er staatlich anerkannter Altenpfleger und Fachkraft für Geronto-psychiatrie. Sein Arbeitsplatz ist die alte Zivistelle im Pflegeheim am Kurpark in Ottenhöfen. »Die Zeit hier war sehr wichtig für mich und ich glaube, nach sechs Monaten hätte ich mich noch nicht getraut, mich für die Altenpflege zu entscheiden.«
»Sehr, sehr aufwendig«
Im Vincentiushaus in Oppenau sind derzeit fünf Zivis im Einsatz. Zwei im Pflegebereich, drei in der Hausmeistertätigkeit. »Wir werden jederzeit wieder neue einstellen. Auch wenn sie nur sechs Monate bleiben«, so Verwaltungsleiter Klaus Meier. Und das, obwohl ihm das Bundesamt für Zivildienst für einen Zivi deutlich mehr an personellem Aufwand abverlangt, als bei jedem anderen Mitarbeiter. »Zivis sind personalverwaltungsmäßig sehr, sehr aufwendig, aber wir sind froh, dass wir sie haben.« Vor allem junge Männer aus dem Renchtal selbst würden sich bei ihm bewerben. »Manche ehemaligen Zivis kommen sogar heute noch bei uns vorbei und helfen am Sonntag ehrenamtlich beim Angebot Essen auf Rädern.«
»Wir beobachten immer wieder mit Freude, wie sich die älteren Mitbürger zu den Zivildienstleistenden hingezogen fühlen«, sagt Wolfgang Leppert, der die Zivis einerseits in seiner Apotheke in Oberkirch als Begleiter sieht, andererseits in seiner Funktion als Vorsitzender des DRK Oberkirch. »So toll, wie die Jungs sind, und so froh wir immer waren, sie zu haben: aber sechs Monate? Bis die wissen, wo´s lang geht, brauchen wir eigentlich erst gar nicht anzufangen.«

Hintergrund
Zivi-Dauer
Die Dauer des Zivildienstes wird in Deutschland erstmals 1961 auf 15 Monate festgelegt. Danach veränderte sich die Zeit mehrere Male: Noch im selben Jahr 1961 wurde sie auf 18 Monate erhöht, 1973 auf 16 Monate gesenkt, 1984 auf 20 Monate angehoben. Seitdem geht die Dauer ständig zurück: 1990 auf 15, 1996 auf 13, 2000 auf elf, 2002 auf zehn und 2004 auf die heute noch gültigen neun Monate.
Quelle: Wikipedia

STICHWORT
Zivildienst als Lehrzeit
In Baden-Württemberg gab es im vergangenen Jahr 12 278 Zivildienstleistende. In keinem anderen Bundesland außer Nordrhein-Westfalen mit 18 325 gab es mehr Zivis.
Die Zivildienstzeit beträgt derzeit neun Monate und bietet den dienstleistenden jungen Männern die Möglichkeit, Erfahrungen in verschiedenen sozialen oder ökologischen Tätigkeitsfeldern zu sammeln.
Mit dem Zivildienst als Lerndienst soll den Zivildienstleistenden zudem die Möglichkeit eröffnet werden, während ihrer Dienstzeit wichtige Querschnittskompetenzen und Schlüsselqualifikationen zu erwerben.

http://www.baden-online.de/news/images/news_lokales/artikel_arz/18556_1.jpgPatrick Vilmin, hier bei einem Tanztee für Senioren, hat nach seinem Zivildienst die Ausbildung zum Altenpfleger gemacht.

 

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Veröffentlicht in Erlach

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