Trinkgenuss ohne Reue
Baden-Württemberg bewertet Stoff DMS als »nicht relevant« / Keine Ausnahmegenehmigung nötig
Als Letztes der Bundes-
länder hat Baden-Württemberg die strengen Vorschriften für Dimethylsulfamid im Trinkwasser aufgehoben. Der Ausgangsstoff Tolylfluanid, ein Pflanzenschutzmittel, ist mittlerweile vom Markt genommen.
Wolfgang Klattig von den Oberkircher Stadtwerken kann aufatmen. Der Beschluss des Ministeriums, den Stoff N,N-Dimethylsulfamid (DMS) als »nicht relevant« einzustufen, erspart ihm viel Bürokratie Denn diese wäre nötig gewesen, wenn er eine zweite Ausnahmegenehmigung zum Vertrieb des Trinkwassers hätte beantragen müssen. DMS kommt im Oberkircher Trinkwasser in einer Konzentration vor, die den bisherigen Grenzwert von einem Mikrogramm überschreitet. Die erste Ausnahmegenehmigung, im April 2007 erteilt, läuft in wenigen Tagen ab. In Lautenbach gilt sie noch bis 30. Oktober.
DMS ist ein Abbauprodukt des Pflanzenschutzmittels Tolylfluanid – einem Fungizid mit breitem Wirkungsspektrum, das seit Jahrzehnten deutschlandweit im Wein- und Obstanbau eingesetzt wurde. Die Fachleute gehen daher davon aus, dass sich DMS schon seit Jahren im Boden und Grundwasser befindet. Gemessen wurde es jedoch erstmals 2007 – dank verfeinerter Messmethoden. Das Bundesamt für Risikobewertung (BfR) war alarmiert. Die Erinnerung an das Atrazin war noch frisch – einem weit verbreiteten und gesundheitsschädlichen Pestizid, das unverhofft im Grundwasser auftauchte und nicht zu eleminieren war.
Das Bundesamt für Lebensmittelsicherheit setzte flugs die Zulassung für Tolylfluanid aus. »Mittlerweile ist die Zulassung komplett widerrufen«, informiert Jürgen Ammon, Lebensmittelchemiker vom Ministerium Ernährung und Ländlicher Raum auf Nachfrage der Acher-Rench-Zeitung.
Nach ersten toxikologischen Untersuchungen 2007 bewertete das Umweltbundesamt den neuen Stoff als »nicht relevanten« und daher gesundheitlich unbedenklichen Metaboliten
Von Langzeituntersuchungen wurde abgesehen – sie seien zu kostspielig für einen Stoff, der wahrscheinlich harmlos und in absehbarer Zeit aus der Umwelt und dem Grundwasser verschwunden ist. DMS ist zwar nicht abbaubar, wird jedoch aus dem Untergrund herausgewaschen. Nur sehr langsam, wie Wolfgang Klattig beobachtet. Seit 2007 schwankt die Konzentration des DMS im Trinkwasser, das aus den Oberkircher, Erlacher und Ulmer Wasserhähnen fließt, zwischen 1,0 und 2,0 Mikrogramm pro Liter. Bei der jüngsten Messung am 11. Dezember 2009 lag der Wert sogar bei 2,1 Mikrogramm.
»Nicht erwünscht«
Wenn auch »nicht relevant«, so galt DMS jedoch weiterhin als »nicht erwünscht«. Das Umweltbundesamt gab daher die Empfehlung aus, bei Dauerbelastung einen Grenzwert von einem Mikrogramm pro Liter nicht zu überschreiten. Das Restrisiko sowie der Sonderfall, bei dem DMS durch Ozonierung in ein krebserregendes Nitrosamin umgewandelt wird, bewog das Land Baden-Württemberg, den Grenzwert verbindlich einzuführen. Es stufte N,N-Dimethylsulfamid als »relevanten Metaboliten« ein. Dies ist der Grund, warum viele Gemeinden, wie Oberkirch und Lautenbach, eine Ausnahmegenehmigung beantragen mussten. Sie war auf drei Jahre angelegt.
Die Lautenbacher Tiefbrunnen weisen zwar mit rund 0,3 Mikrogramm pro Liter eine Konzentration unter dem Grenzwert auf, doch dieses Wasser wird mit Oberkircher Wasser vermischt. Im Ortsnetz wurde daher plusminus ein Mikrogramm gemessen. Oppenau und Bad Peterstal-Griesbach sind aufgrund ihrer geringen landwirtschaftlich genutzten Flächen nicht betroffen.
Mitte 2009 entschloss sich Baden-Württemberg, seinen Alleingang aufzugeben und die Einstufung des DMS als »nicht relevant« zu übernehmen. »Es darf nur nicht in bedenklicher Konzentration im Trinkwasser vorhanden sein«, erläutert Ammon. Bedenklich seien Konzentrationen über 100 Mikrogramm pro Liter. Die Stadtwerke Oberkirch und Lautenbach folgen dem Rat des Landratsamtes, Dimethylsulfamid auf freiwilliger Basis weiter zu messen.
Trinkwasserprobe
Das Trinkwasser ist das reinste Lebensmittel. Es darf bedenkliche Fremdstoffe nur in geringen Konzentrationen enthalten. Darunter fallen (Grenzwert in mg/l): Pflanzenschutzmittel und Biozidprodukte (pro Stoff 0,0001, gesamt 0,0005), Benzol (0,001), Bor (1), Bromat (0,01), Chrom (0,05), Cyanid (0,05), 1,2 Dichlorethan (0,003), Fluorid (1,5), Nitrat (50), Quecksilber (0,001), Selen (0,01), Tretrachlorethen und Trichlorethan (gesamt (0,01), Antimon (0,005), Arsen (0,01), Bezo-a-pyren (0,00001), Blei (0,01), Cadmium (0,005), Kupfer (2), Nickel (0,02), Nitrit (0,5), Polycyclische, aromatische Kohlenwasserstoffe (gesamt 0,0001), Trihalogenmethane (gesamt 0,05). Das Oberkircher Trinkwasser enthält diese Stoffe entweder gar nicht oder weit unter dem Grenzwert (Quelle: www.stadtwerke-oberkirch.de ).
HINTERGRUND
DMS bleibt im Fokus
Obwohl er als »nicht relevanter Metabolit« und daher als gesundheitlich unbedenklich eingestuft wird, ist der Stoff DMS auch weiterhin im Fokus der Wasserversorger. Das schreibt die Trinkwasserverordnung, § 6, Absatz 3, vor.
Darin heißt es: »Konzentrationen von chemischen Stoffen, die das Wasser für den menschlichen Gebrauch verunreinigen oder seine Beschaffenheit nachteilig beeinflussen können, sollen so niedrig gehalten werden, wie dies nach den allgemein anerkannten Regeln der Technik mit vertretbarem Aufwand unter Berücksichtigung der Umstände des Einzelfalls möglich ist.«
Das Umweltbundesamt empfiehlt für DMS einen »bis auf Weiteres hinnehmbaren gesundheitlichen Orientierungswert« von 1 Mikrogramm und einen allgemeinen, für die Dauer von rund neun Jahren »vorübergehend hinnehmbaren Vorsorge-Maßnahmewert von 10 Mikrogramm pro Liter. Diese Empfehlungen seien nicht streng toxologisch abgeleitet, eine Überschreitung daher auch nicht gesundheitlich bedenklich. Sie sollen jedoch das Restrisiko mindern.
Eine Expertin prüft die Reinheit des Trinkwassers.