So wird 2011
Rückblick kann jeder. Natürlich erinnern wir uns an epochale Ereignisse im Tal, die uns 2010 beschäftigten. Um es nur ganz verschämt zu flüstern, hier ein Stichwort: Streusalz. Das Oberkircher, genauer. Das, dessen Nachschub gesichert war Eine Aussage der Stadt, deren Wahrheitsgehalt sich nach dem für Normalsterbliche kaum vorstellbaren Zeitraum von einer Woche im Gegensatz zum Schnee ins Nirwana verflüchtigt hatte.
Aber das soll uns nicht anfechten. Denn wir, wir blicken voraus! Wir werden uns einen Ariadnefaden mitnehmen, der uns durchs labyrinthisch anmutende »Zwanzichelf« führen wird. Und – so viel sei prophezeit: Es wird ein weißer Faden sein. Das neue Jahr beginnt im Übrigen unspektakulär: mit dem Januar. Alles wie immer? Keineswegs! Aber hallo!
Denn der Januar ist der Monat, in dem die Gemeinden ihren Haushalt verabschieden. Im Rahmen der Beratungen verspricht Oberkirchs Kämmerer Franz Müller, Streusalz in haushaltsüblicher Menge zu bestellen. Also so viel, dass man eineinhalb Wochen richtig streuen könne, erklärt Müller, nicht so wie 2010 nur neun Tage. Unter kollektivem Aufatmen stimmt der Gemeinderat zu. Draußen schneit es.
Der Februar beginnt mit eisiger Kälte und die Bürger Oberkirchs fragen sich, wann die Straßen wieder gestreut werden. Die Narrenzunft springt ein und lässt alle Zünfte beim Umzug mitgebrachtes Salz werfen statt Konfetti. Abseits der Umzugsstrecke bleibt jedoch alles beim Alten. Es ist außerdem saukalt.
Da noch immer Fasent und ergo der Winter nicht ausgetrieben ist, bleibt es im März frostig. Gemindert wird die Rutschgefahr dadurch, dass die Narren die Straßen nun mit allerlei bunten Schnipseln, Stroh und ab und an sogar zersplitterten Glasflaschen, die besonders guten Halt auf Eis versprechen, verzieren. Darunter dräut Glätte. Man beginnt, bergeweise Splitt auf die Straßen zu schmeißen, einzelne Haushalte helfen aus Mitleid mit Jodsalz aus dem Küchenschrank aus.
Der April lässt winterliches Ungemach endlich vergessen, weil er frühjährlichen Trabbel bringt. Denn er soll den neuen Geschäftsführer für die Tourismus GmbH bringen. Abgesehen davon, dass ein Monat, erst recht einer mit nur 30 Tagen, mit solch einer Aufgabe überfordert ist, bringt der Neue Zoff in die touristische Dreieinigkeit. Er will keine Kurtaxe für die einstweilige Unterbringung in einem Oberkircher Hotel zahlen, das Konus-Angebot jedoch nutzen. Der betroffene Wirt droht mit Austritt aus der GmbH, woraufhin die drei Gemeinden salomonisch den Wohnsitz des Geschäftsführers ins idyllische und nicht an die GmbH angeschlossene Bad Peterstal-Griesbach legen. Es schneit endlich nicht mehr.
Im Mai folgert man beim Freiburger Regierungspräsidium aus dem ausbleibenden Schnee messerscharf, dass der Winter nun aufgehört und die Arbeit an der B 28 wieder zu beginnen hat. Da man seit Anfang an hinter dem Bauzeitenplan herhinkt, ist man über den endlosen Superwinter glücklich und gibt preis, dass vor 2014 nicht mit einer Fertigstellung der Straße zu rechnen ist. Bestenfalls. Und nur, wenn kein Winter mehr kommt.
Der Juni ist der Monat, in dem die Straßen ausgebessert werden. Stolz verkündet die Stadt Oberkirch, dass man schon im Winter vorgesorgt habe. Es liege noch genügend Splitt vom März, man müsse nur noch mit dem Teerwagen drüberfahren.
Der Sommer verläuft weitestgehend ereignislos. Lediglich eine städtische Pressemitteilung lässt Mitte Juli aufhorchen. Darin heißt es, dass man Streusalz zum besonders günstigen Sommerpreis erworben habe. Um anderen Gemeinden ebenfalls diese Chance zu lassen, habe man etwas weniger eingekauft als sonst. Für die Monate August und September sei man aber auf der sicheren Seite. Die Nächte werden kühler.
Bei der Stadt freut man sich im Oktober, dass man noch sämtliche Salzvorräte vom Sommer besitzt, da es im August und September nicht schneite. Im Zuge eines Nachtragshaushalts wird der Posten »Nachbestellung von Streusalz« ersatzlos gestrichen. Es wird kälter.
Der Stadtmarketing-Verein beginnt im November, die Weihnachtszeit vorzubereiten. Da die Weihnachtsbaum-Aktion 2010 ein Rohrkrepierer war, weil die Geschäfte sich keinen Christbaum vor die Tür pflanzen wollten, bittet man die Ladenbesitzer, Salzsäcke mit dem Stadtmarketing-Logo zu erwerben und sie vor den Läden zu platzieren, damit die Kunden sich bedienen können. Die Temperaturen sinken weiter.
Der erste Schneefall kommt, für die Stadt völlig unvorhersehbar, im Dezember. Der Sommervorrat reicht gerade, um auf dem Bauhofgelände den Weg vom Salzlager bis zur Einfahrt in die B 28 zu streuen. Viele Bürger fühlen sich aufs Glatteis geführt. Die Stadt kontert mit einer schiefen, dafür passenden Metapher: »Wir haben den Bürgern kein Salz in die Augen gestreut. Dafür hätten wir ja gar keines übrig gehabt …«
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