»So ist es in der Gastronomie«
Am ersten Weihnachtsfeiertag sind die Gaststuben bestens besucht / Private Feier an Heiligabend
Weihnachten wird keinesfalls nur in den heimischen vier Wänden gefeiert. Gerade am ersten Weihnachtsfeiertag haben die Gastronomen, auch im Raum Achern, alle Hände voll zu tun.
»Und Sie müssen auch an Weihnachten arbeiten?« »Müssen? Dürfen! Wenn man sieht wie Menschen hier genießen und sich wohlfühlen, das macht richtig Spaß!« Mit einer Tasse Miesmuschelsuppe in der einen und einer Portion Perlhuhnbrüstchen in der anderen Hand jongliert Annett Tittmann durch die Reihen des Gasthofs »Zur Hoffnung«.
Ungewöhnlich ist dabei nicht die gut gefüllte Gaststube, eher das Datum. Es ist der erste Weihnachtsfeiertag. In der Küche herrscht Hochbetrieb. »Einmal Spätzle, einmal Kroketten bitte!« Alles geht Hand in Hand. Nichts erinnert mehr an die Vorbereitung, die den Heiligen Abend schon mal hinten anstellt.
»So ist es eben in der Gastronomie. Ich bin so aufgewachsen.« Beatrice Kuhn hat die »Hoffnung« von ihren Eltern übernommen. Mutter Maechlin steht noch immer hinter der Theke, heute in besonders schönem Weihnachtsdirndl. »Es ist tatsächlich so, dass man dazu geboren sein muss, Gastwirt zu sein. Wir, mein Mann und ich, waren es mit Leib und Seele und wie Sie sehen, ich stehe immer noch hier!« Die Küche aber obliegt den Kindern. Selbst der Enkel steht schon in der Warteschleife und macht derzeit seine Erfahrungen im Hotel »Hilton« in Straßburg. Am Heiligen Abend hat man sich getroffen, gemeinsam gegessen und sich beschenken lassen. Die Vorbereitungen aber für die Weihnachtsmenüs mit allem Drum und Dran liefen weit im Vorfeld. »Da geht schon mal eine Nacht drauf«, schmunzelt Beatrice Kuhn, »aber wenn mir eben zu dieser Zeit das Menü einfällt, muss ich es auch aufschreiben.«
Gans mit Maronen
»Organisation ist alles«, das weiß auch Jochen Weber. Bereits vor Wochen wurde sein »Ratskeller« weihnachtlich geschmückt. Bei ihm gibt’s traditionell die Weihnachtsgans mit Rotkohl und feinen Maronen. Unter anderem natürlich. Das, was man zu Hause nicht unbedingt macht, weil der Aufwand zu groß ist.
»Der Heilige Abend in der Familie fällt dennoch nicht flach, dann nicht, wenn man gut vorbereitet ist«, weiß der routinierte Gastwirt und Küchenchef. »Man muss vielleicht ein bisschen früher ins Bett gehen, um den Weihnachtsfeiertag um sechs Uhr morgens beginnen lassen zu können, aber wenn man weiß, was auf dem weihnachtlichen Speiseplan stehen wird, kann man sich entsprechend orientieren und einrichten!« Zu seinen Gästen zählen viele Stammgäste, die jedes Jahr kommen.
»Die große Herausforderung sind die großen Tische, heißt, dass oft ganze Familien mit ihren Angehörigen kommen. Da ist es wichtig, etwas so einzuplanen, dass möglichst alle zur gleichen Zeit essen können.« Das hat auch dieses Mal wieder bestens geklappt. Jochen Weber aber auch Daniel Köninger vom Landgasthaus »Löwen« in Obersasbach sind mit ihrem »Weihnachtsgeschäft« bestens zufrieden. »Selbst der Schnee hat niemanden davon abgehalten, zu kommen«, so der Löwenwirt, der mit Wild und Fisch auch in diesem Jahr genau richtig lag. Er steht ebenfalls seit dem frühen Morgen in der Küche, aber den Heiligen Abend mit der Familie zu verbringen, war ihm dennoch wichtig.
Den Sohn zu Gast
Gemeinsam gefeiert hat auch eine alte Dame mit runden 90 Jahren. Sie hatte ihren Sohn zu Gast, der aus Stuttgart angereist war und dabei wetterbedingt schon mal ein paar Stunden länger unterwegs war als sonst. »Am ersten Weihnachtsfeiertag aber bleibt die Küche kalt. Das ist Tradition. Wir haben sogar den gleichen Tisch wie immer«, so das verwandte Ehepaar, das Mutter und Sohn begleitet. Zu viert genießen sie Schweinefilet im Blätterteig, Rehbraten und Klöße. Das, nachdem am Tag zuvor ein leckeres Fondue auf den Tisch stand.
Nougateis oder Ananas?
Am Nachbartisch geht es munter zu. Die befreundeten Familien Baudendistel und Hell folgen ebenfalls einer langjährigen Tradition. »Die Frauen sind halt zu bequem, um zu kochen, deshalb müssen wir ins Restaurant!« Diese nicht ganz ernst gemeinte Aussage wird mit allgemeinem Gelächter aufgenommen. »Gestern haben wir mit unseren Kindern gefeiert, heute gönnen wir uns unser ganz besonderes Weihnachtsessen«, kontert die Ehefrau und man überlegt, ob man sich für die karamellisierte Ananas oder den Espresso mit Nougateis zum Dessert entscheidet. Die Stimmung ist perfekt, doch auch ein alleinstehender Herr genießt und schweigt. Früher sei er mit seiner Frau oft hier gewesen. Seit er alleine sei, komme er trotzdem. Der gebürtige Westfale Dirk Röttgers bekommt schon mal vom Küchenchef einen Saumagen angeboten oder eine delikate Krumbeerwurst. »Der kommt aus der Pfalz, der kann so etwas«, schmunzelt er und lobt die badische Küche jenseits vom nordischen Grünkohl und Pinkel nicht nur zur Weihnachtszeit. Aber gerade in dieser scheint in all den Gaststuben ein besonderer Hauch von feierlich weihnachtlicher Gastlichkeit zu schweben.
Am ersten Weihnachtsfeiertag bleibt für die Familien Baudendistel und Hell die eigene Küche kalt. Dann geht es in die Wirtschaft.
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