Mit Deutsch zum Erfolg

Veröffentlicht auf von Acher-Rench-Zeitung

Mit Sprachkursen und Vorbereitungsklassen will Oberkirch Ausländer in die Gemeinde integrieren

Deutschland soll ein Problem haben, seine Ausländer in die Gesellschaft zu integrieren. Die Acher-Rench-Zeitung hat sich umgehört, was vor Ort in Oberkirch getan wird, um die Kluft zwischen den Nationalitäten zu überwinden.

 

»Ich bin kurz davor, einen runden Tisch zu organisieren«, sagt Zülfikar Atlay, stellvertretender Vorsitzender des türkischen Vereins in Oberkirch Die Art, wie die durch Thilo Sarrazin angestoßene Debatte derzeit geführt würde, trage eher dazu bei, bereits abgelegte Vorurteile wieder aufzubauen, als sie endgültig aus der Welt zu schaffen.
Mit Stolz könne der Türkische Verein auf eine extrem niedrige Arbeitslosigkeit unter den türkischen Jugendlichen blicken – die Thesen von einer Mehrzahl arbeitsunwilliger Migrantenkinder träfen in Oberkirch nicht zu. Mit gezielten Nachfragen bei Arbeitgebern, die zuvor einem türkischen Jugendlichen eine Absage erteilten, ermöglichen die Vereinsmitlieder oftmals eine zweite Chance und gehen zudem gezielt gegen Diskriminierungen vor.
Sprache als Schlüssel
Weniger offensiv doch mit dem gleichen Ziel vor Augen behandelt die Stadtverwaltung das Thema Integration. Das Erlernen der deutschen Sprache sieht Oberbürgermeister Matthias Braun als notwendige Schlüsselqualifikation an, um gesellschaftlich überhaupt Fuß fassen zu können. Allerdings bestehe oftmals das Problem, dass Frauen, die aus der Türkei zu einer Familie nachziehen, mit der deutschen Sprache kaum in Berührung kommen und somit auch die Kinder zuhause lediglich ihre Muttersprache sprechen würden, so Braun weiter. Als Gegenmaßnahme entwickelte die Gemeinde in Zusammenarbeit mit dem Sprachzentrum »Interparla« im Jahr 2006 Integrationskurse, in denen über sieben Monate hinweg Deutsch und gesellschaftliche Orientierung gelehrt werden. Für 16 freiwillige Teilnehmer endete im April die Weiterbildung

»Wir schauen, dass wir die Frauen für die Integrationskurse animieren können, damit sie im täglichen badischen Alltagsgeschäft besser zurecht kommen«, betont Atlay.
Als weitere Integrationsmaßnahme bietet die Stadtverwaltung in Zusammenarbeit mit dem Jugendmigrationsdienst der Diakonie einmal wöchentlich Sprechstunden im evangelischen Gemeindehaus an.
Den Kontakt für Neuzuwanderer vermittelt in der Regel das Ausländeramt Oberkirch. Dieses stehe auch Ausländern bei Schul- und Kindergartenanmeldungen sowie bei Behördengängen beratend zur Seite, sagt Braun. Insgesamt wurden für die Jugend- und Sozialarbeit in Oberkirch 3,25 Stellen bereitgestellt.
Kaum Ansprechpartner
Über eine außerbehördliche »Integrationsmaßnahme par excellence« freut sich Braun zudem noch heute über die 1975 von seinem Amtsvorgänger Erwin Braun ins Leben gerufene Institution des Türkischen Vereins. Dessen rund 90 Mitglieder haben im Vereinsheim in der Oberdorfstraße einen Raum für Freizeit, Zusammenkunft und Gebet geschaffen.
»Wir organisieren da Spiele und versuchen unsere Jugendlichen zu beschäftigen oder bringen Diskussionsthemen ein«, sagt Zülfikar Atlay über die Aktivitäten des Vereins. Kontakt zu deutschen Gleichaltrigen bestehe zwar hin und wieder bei Fußballspielen, doch sei er gering, gibt Atlay zu. Kopfzerbrechen bereitet ihm eher der erfolglose Versuch, mit anderen Ausländern, allen voran Spätaussiedlern aus Russland, in Kontakt zu treten. Sie seien nicht so gut organisiert wie die türkische Gemeinde und besäßen auch keine Ansprechpartner, an die man sich wenden könne.
Das Gespräch mit dem Verein wird vonseiten der Stadt auch geschätzt, wenn es zu Gewalt oder Alkoholexzessen, überwiegend am Stadtgartenpavillon, kommt. Oberbürgermeister Braun betont jedoch, dass sich die kommunale Gewaltprävention an alle Nationalitäten richte, lediglich die Rückkopplung mit den Vorsitzenden des Türkischen Vereins sei vielfach hilfreich.
In einer Vorbereitungsklasse der Grundschule Oberkirch werden derzeit 24 Schüler an die deutsche Sprache herangeführt. Diese Vorgehensweise habe sich bewährt, meint Schulrektor Ottmar Spinner. »Die Kinder sind in kleine Gruppen eingeteilt, bis hin zu Einzelunterricht«, betont Spinner. Eine vor Jahren ins Leben gerufene Aktion, bei der deutsche Kinder ihre türkischen Mitschüler zum gemeinsamen Hausaufgaben Erledigen mit nach Hause nahmen, gehöre mittlerweile allerdings der Vergangenheit an. Einen konkreten Grund, weshalb die Schülerhilfe im Sande verlief, kann Spinner nicht nennen. Dafür lehrt mittlerweile eine türkische Lehrerin zweimal pro Woche ihre Muttersprache und Landeskundeunterricht an der Grundschule. Auf Islamunterricht werde bewusst verzichtet, so Spinner. Das erklärte Ziel sei es, alle Kinder schnell in die Regelklassen eingliedern zu können.
Für die Erwachsenen bestehe indes keine Möglichkeit, in die Oberkircher politische Gesellschaft eingegliedert zu werden, bedauert Zülfikar Atlay. Anstatt auf offene- sei er vielmehr auf verschränkte Arme bei den politischen Parteien in Oberkirch gestoßen, sein versuchtes Engagement sei ins Leere gelaufen. »Unseren Jugendlichen sind die Hände nicht so gebunden wie mir«, hofft Atlay.
Durch vielfältige Kontakte in Schulen und Vereinen hätten sie bessere Chancen, politisch auch wahrgenommen zu werden. Allerdings stellt sich in diesem Zusammenhang zwangsläufig die Frage, inwiefern der Wille zur politischen und gesellschaftlichen Teilhabe bei den ausländischen Jugendlichen vorhanden ist: Für den Jugendgemeinderat ließ sich kein türkischer Jugendlicher aufstellen. Trotz der Appelle Atlays. Sein Wunsch ist es, dass die Politik auf die türkische Gemeinde zugehe.

STICHWORT
Ausländer
in Oberkirch
Die Ausländerbehörde Oberkirch, zu der auch Renchen und Lautenbach gehören, erhebt monatlich eine Statistik, wie viele Personen ausländischer Herkunft gemeldet sind. Im September waren es 1987, das entspricht bei einer Gesamteinwohnerzahl der Gemeinden einem Anteil von 6,89 Prozent. Spitzenreiter unter den ausländischen Nationalitäten im Renchtal ist mit 430 Personen die Türkei, gefolgt von Polen (257), Italien (242) und Frankreich (127). Die Mehrzahl der ausländischen Personen (1100) ist älter als 35 Jahre

Jetzt klicken und 10 Tage kostenlos Zeitung lesen

 

www.pricecrash24.com

Werbung

Veröffentlicht in Oberkirch

Um über die neuesten Artikel informiert zu werden, abonnieren:
Kommentiere diesen Post