»Jeder ohne Chance ist einer zu viel«

Veröffentlicht auf von Acher-Rench-Zeitung

Gesamtelternbeiratsvorsitzende bewertet den Ausbildungspakt / »Schüler sollten Chance haben, Schwächen auszumerzen«

 

Im Ausbildungspakt haben Arbeitgeberverbände und Ministerien in der vergangenen Woche das Ziel bekräftigt, allen ausbildungsreifen und -willigen Jugendlichen ein Angebot auf Ausbildung zu machen. Die Oberkircher Gesamtelternbeiratsvorsitzende Renate Hasselwander glaubt, dass dieses Ziel nicht ganz zu erreichen ist Die ARZ hat im Interview nachgefragt, woran es beim Zusammenspiel von Jugendlichen, Elternhaus, Schule und Wirtschaft hapert.
Die Partner des Ausbildungspaktes stellen fest, dass trotz eines Mangels an Bewerbern viele Jugendliche Probleme haben, den Einstieg in den Ausbildungsmarkt zu finden. Gibt es diese Probleme aus Ihrer Sicht auch in Oberkirch?
Renate Hasselwander: Ja klar. Die Statistik des Ortenaukreises sagt, dass derzeit rund 380 Jugendliche ohne Ausbildungsplatz bzw. Arbeit erfasst sind. Da dies nur die amtlich erfassten sind, ist davon auszugehen, dass die tatsächlichen Zahlen, einschließlich der auf eigene Faust suchenden Ausbildungsplatzbewerber, eher noch deutlich darüber liegen. Von einem Mangel an Bewerbern würde ich nicht sprechen wollen. Inwiefern die jeweiligen Anspruchsprofile von Bewerber und Ausbildungsfirma immer zusammenpassen, ist andererseits ein weites Feld.
Wer hat es besonders schwer, einen Ausbildungsplatz zu finden?
Hasselwander: Schüler mit schwächeren Leistungen, sowohl von der Hauptschule als auch von der Realschule. Abiturienten, die keinen Ausbildungsplatz antreten möchten, beginnen mit dem Studium und drängen dann eben vier bis fünf Jahre später auf den Arbeitsmarkt.
Gleichzeitig wird ein Ungleichgewicht zwischen den Anforderungen der Unternehmen und der Qualität der Bewerber festgestellt

Wer ist da gefordert?
Hasselwander: Sicherlich gerade auch die Schulen. Aber da gibt es auch viel Engagement. Ich bin jetzt im 14. Jahr Elternvertreterin. Allerdings ist nicht jede politisch übergestülpte und von den Schulen umzusetzende Bildungsreform auch zielführend. Positiv erwähnenswert sind auch die zahlreichen Möglichkeiten zu Berufspraktika, wie Soziales Engagement (SE), Bogy, BORS, WVR.
Wiederum muss ich feststellen, dass viele Kinder mit Mathe ein Problem haben. Ich weiß nicht, ob es nicht anschaulich ist oder zu viel reingepackt wird.
Sollten die Schulen sich wieder mehr auf die Basisqualifikationen, wie Rechnen und Schreiben, beschränken, wie das PWO-Personalchef Matthias Mono jüngst in der ARZ gefordert hat?
Hasselwander: Auf jeden Fall sind das wichtige Basisqualifikationen. Ich gehe aber davon aus, dass dieser recht plakative Ansatz eher auf vorhandene Schwächen vieler Schüler in diesem Bereich hinweisen sollte. Ein breiteres Wissen und die Fähigkeit, Zusammenhänge zu erkennen und als Ergebnis eigener Recherchearbeit auch vernünftig präsentieren zu können, sind gleichermaßen wichtig.
Haben die Unternehmen zu hohe Ansprüche oder sind die Schüler zu schlecht ausgebildet?
Hasselwander: In den Jobbörsen findet man viele Berufe, wo solides Handwerk gefragt ist. Warum braucht man dafür eine gute Drei in Mathe? Ist es nicht so, dass die Beherrschung der Grundrechenarten, Basisgeometrie und Dreisatz eigentlich ein ganz gutes Rüstzeug für die allermeisten Jobs darstellt? Kann es insofern sein, dass hier teilweise tatsächlich zu hohe Ansprüche gestellt werden?
Sind die Zensuren wichtiger als die Inhalte?
Hasselwander: Viele Arbeitgeber schauen schon auf die Noten eines Bewerbers und oft wird es mit weniger guten Zensuren bereits deutlich schwieriger, überhaupt Chancen auf Vorstellungsgespräche zu erhalten.
Handwerkskammerpräsident Paul Baier sagte jüngst im Interview mit der Mittelbadischen Presse, dass auch im Handwerk immer mehr Kopfarbeit gefragt sei. Fehlt es an Berufen, in denen vor allem körperliche und motorische Qualitäten gefordert sind?
Hasselwander: Ja, Berufe für einfachere Qualifikationen fehlen, bzw. sind eventuell auf den ersten Blick für potenzielle Bewerber auch nicht attraktiv genug.
Laut dem Ausbildungspakt sollen alle ausbildungswilligen und -fähigen Schüler eine Lehrstelle erhalten. Wie realistisch ist dieses Ziel?
Hasselwander: Das werden wir nicht ganz erreichen. Wir müssen aber einfach nach vorne schauen. Wenn nur ein Teil davon umgesetzt wird, was im Pakt drinsteht, sind wir auf einem guten Weg. Wenn wir uns im europäischen Quervergleich sehen, aber auch im innerdeutschen Vergleich, kann sich unsere Region durchaus sehen lassen. In Oberkirch arbeiten wir Elternvertreter sehr eng mit den Schulen zusammen, die sehr bemüht sind. Grundsätzlich gilt natürlich, dass jeder arbeitswillige bzw. ausbildungsbereite Jugendliche, der keine Chance erhält einer zu viel ist.
Wo sehen Sie Nachholbedarf bei den Bemühungen, auch schwache Schüler ausbildungsfähig zu machen?
Hasselwander: Ich möchte keine Schule persönlich angreifen. Man sollte den Schülern die Möglichkeit geben, ihre Schwachstellen auszumerzen. Sie müssen Unterstützung erfahren. Vielleicht sollte mehr Unterrichtsstoff wiederholt werden. Ich stelle fest, dass wahnsinnig viele Schüler Nachhilfestunden nehmen. Das muss einen Grund haben und dieser liegt sicherlich auch an der teilweise mangelnden personellen Ausstattung der Schulen. Positiv ist allerdings, dass dem Thema Bildung zwischenzeitlich ein hoher politischer Stellenwert beigemessen wird.
Sind auch die Eltern gefragt?
Hasselwander: Ja. Da liegt vieles im Argen. Die Phase der Berufsorientierung fällt bei vielen pubertierenden Jugendlichen in eine schwierige Zeit des Aufbruchs und der Selbstfindung, wobei man hier als Eltern oft eher nur limitierte Einwirkungsmöglichkeiten hat.
Muss man auch bei der Motivation der Schüler ansetzen?
Hasselwander: Ja, wo immer möglich. Die Lehrer sind sehr bemüht und machen viele Fortbildungen. An ihrem Engagement liegt es also nicht - Einzelfälle ausgenommen.
Die Werkrealschule soll eine stärkere Ausbildungs- und Berufsorientierung mit sich bringen. Was erhoffen Sie sich von ihr?
Hasselwander: Die Werk-realschule ist ein Lichtblick. Es ist der richtige Weg, schon in der siebten und achten Klasse an den Defiziten zu arbeiten. Die Werkrealschule geht intensiver auf die Stärken der Schüler ein. Ich hoffe, dass die Berufsschulen (in ihnen spielt sich ein Teil des Unterrichts in der zehnten Klasse ab, d. Red.) ausreichend mit Lehrern besetzt sind. Dann bin ich optimistisch.

STICHWORT
Zahlen
Zum Ende des Ausbildungsjahrs 2009/10 (30. September 2010) gab es laut einer Sprecherin der Agentur für Arbeit Offenburg im Ortenaukreis 126 Jugendliche, die keine Ausbildungsstelle erhalten hatten. Dem standen 25 freie Ausbildungsstellen gegenüber – unter anderem als Koch und medizinische Fachangestellte.

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Aufgabe gestemmt: Die Ausbildungsbilanz in der Region kann sich laut Renate Hasselwander auch im internationalen Vergleich sehen lassen.

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