Forschungsobjekt Esskastanie

Veröffentlicht auf von Acher-Rench-Zeitung

Universitäten und Hochschulen zeigen Interesse an Oberkircher Beständen / Verkauf hat angezogen

Die Edelkastanie ist der große »Newcomer« in der Ortenauer Waldwirtschaft. In zahlreichen überregionalen Projekten wird nun geforscht, wie das Holz des Baums am besten genutzt werden kann. Die Oberkircher Kastanien spielen dabei eine Vorreiterrolle.

 

http://www.baden-online.de/news/images/news_lokales/artikel_arz/20790_1.jpgRege Triebsamkeit herrscht in den Esskastanienbeständen rund um Oberkirch. Kind und Kegel ziehen los, um die kugeligen Kastanien zu sammeln. Denn das ist beinahe überall gestattet. Waldfrüchte dürfen, wie Pilze, auch fern von Wegen im Wald eingesammelt werden. Es gibt allerdings auch Ausnahmen So finden sich seit wenigen Jahren drei Bereiche rund um Oberkirch, die vom Amt für Forstwirtschaft abgegrenzt werden. »Dort gibt es besonders gute Bestände, allerdings weniger von der Frucht, als vielmehr vom Wuchs her«, erklärt Forstbezirksleiter Bernhard Mettendorf.
Der Forst nutzt die Kastanien aus den guten Beständen als Saatgut. Denn es hat sich gezeigt, dass die Edelkastanie nicht nur durch ihre nussigen Früchte, sondern auch durch die Qualität ihres schnellwüchsigen Holzes besticht.
Problem Ringschäle
Diese Qualität wurde lange Zeit im Forst vernachlässigt, da ein Problem nicht gelöst werden konnte: die Ringschäle. Der dickere Stamm der Edelkastanie neigt dazu, entlang eines im Innenbereich gelegenen Jahresringes einen Hohlraum auszubilden. Das Holz ist mit diesem Fehler als Stammholz ungeeignet. Bis zum Sturm Lothar, der 1999 große Waldflächen im und oberhalb des Renchtals umwarf, verarbeiteten Privatwaldbesitzer ihre Edelkastanien daher zu Brennholz.
Lothar wendete das Blatt. Das Forstamt Oberkirch ging das Wagnis ein, dicke Kastanienstämme auf dem Wertholzplatz feilzubieten und erwirtschaftete Spitzenpreise. Besonders im Ausland ist das Holz für noble Möbel und Parkett sehr gefragt

Und nicht nur der gute Preis, auch die rasante, natürliche Vermehrung der Edelkastanie auf den Sturmwurfflächen bewegte das Oberkircher Forstamt dazu, dem Laubbaum höhere Aufmerksamkeit zu schenken. Denn das milde Klima und die nährstoffreichen Böden in der Ortenau bieten der Edelkastanie ideale Lebensbedingungen. Fast ein Viertel der Kastanienbestände Deutschlands befinden sich in der Ortenau – 1800 von 7500 Hek­tar. 80 Prozent aller Ortenauer Bestände liegen im Oberkircher Forstbezirk und dort überwiegend in Privatwäldern. Daher war es für den damaligen Oberkircher Forstamtsleiter Bernhard Mettendorf Ehrensache, ihrer Entwicklung Vorschub zu leisten.
Neue Erkenntnisse
Mettendorf trat der Interessengemeinschaft IG Kastanie bei, die 2005 von Maroniproduzenten in Hessen gegründet wurde. In regelmäßigen Treffen tauschen sich Fruchtproduzenten und vermehrt auch Förster über die Kultivierung der Edelkastanie aus. So erfuhr der Oberkircher von Kollegen in Südtirol, wie sich Ringschäle verhindern lässt. Das war der Durchbruch.
Die Edelkastanie erfährt eine neue Glanzzeit. Wurden 1999 lediglich 22 Prozent des Edelkastanienholzes als Stammholz verkauft, ist es heute weit über die Hälfte. Seit 2007 trägt das Produkt die Qualitätsmarke »Ortenauer Edelkastanie«. Der Forst ist engagiert, sein Wissen über den Laubbaum zu mehren, um wirtschaftlich beste Ergebnisse zu erzielen.
So sollen zwei Studenten der Hochschule für Forstwirtschaft in Rottenburg in Kürze durch Einzelbaumanalysen im Forstbezirk Oberkirch das Wachstum von Kastanienbeständen ermitteln. Zusätzlich erforscht die Universität Freiburg in Zusammenarbeit mit der Technischen Hochschule Karlsruhe die Widerstandsfähigkeit der Edelkastanie im Vergleich zur Eiche und Robinie.
Im Januar war der Startschuss zum bedeutenden Interreg-Programm zur Förderung der Kastanie (siehe unten).

HINTERGRUND
Geschichte der Edelkastanie
Gemeinsam mit dem Wein wurde die wärmeliebende Esskastanie, Edelkastanie oder im Volksmund auch »Keschde« genannt, von den Römern nach Deutschland importiert. Ihr Holz wurde, da es gegen Umwelteinflüsse sehr widerstandsfähig ist, für die Herstellung von Rebpfählen genutzt.
Im 19. Jahrhundert genoss die Edelkastanie noch hohes Ansehen, da sie als »Nahrungsmittel der armen Leute« galt und ihr Brennholz gefragt war. Im 20. Jahrhundert sank jedoch die Wertschätzung des Buchsengewächses. Besonders in der Nachkriegszeit wurden viele Haine gerodet und in Nadelbaumbestände umgewandelt. mr

STICHWORT
Schulungen
Die Privatwaldbesitzer im Oberkircher Forstbezirk werden regelmäßig von den neuesten Erkenntnissen über die Edelkastanie informiert. Die nächste Schulung über die Produktion von starkem und wertvollem Holz ist am Freitag, 5. November. Dabei wird die Projekt-Versuchsfläche im Oberkircher Ortsteil Haslach besucht. Start ist um 13.30 Uhr am Schützenhaus Oberachern. Anmeldung beim Forstamt Oberkirch unter
0 78 02/70 670. mr

Projekt gut angelaufen
Oberkirch unterstützt die Förderung der Edelkastanie
Oberkirch (ske). Durch das Engagement des Forstes in den Kastanienregionen Ortenau, Pfalz und dem Elsass kam im Januar 2010 das gemeinsame Interreg-Projekt »Die Edelkastanie am Oberrhein – eine Baumart verbindet Menschen, Kulturen und Landschaften« zustande. Es ist auf drei Jahre begrenzt und soll der Nutzung der Baum­art Vorschub leisten. Nicht zuletzt, um sie optimal zu vermarkten.
In allen drei Projektgebieten wird die Struktur der Kastanienbestände dokumentiert, um repräsentative Daten zu den Vorräten zu erhalten. Phytopathologische Untersuchungen zum Kastanienkrebs, einer tödlichen Pilzerkrankung, sind ein weiterer Themenschwerpunkt. Derzeit scheint es, als würden die Bäume dank eines Virus, der sogenannten Hypovirulanz, den Krebs überwinden. Und schließlich finden ertragskundliche Untersuchungen zur Kastanienwertholzproduktion statt.
Das Projekt hat ein Volumen von 1,8 Millionen Euro. Es wird von der EU mit 900 000 Euro gefördert. Die andere Hälfte der Gesamtkosten ist auf die Beteiligten aufgeteilt. Im Projektgebiet Oberrhein sind dies das Amt für Waldwirtschaft in Offenburg, die Städte Oberkirch und Renchen sowie die Forstliche Versuchsanstalt Freiburg.

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Nicht nur das Holz der Edelkastanie ist gefragt. Derzeit macht sie sich vor allen Dingen mit ihren süßen und nahrhaften Früchten beliebt.

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Veröffentlicht in Oberkirch

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