Politik ohne Vorgaben von oben
30 Jahre Acherner Bürger Liste (ABL): Fraktionschefin Jutta Römer über die Arbeit ihrer Gruppierung
Im Jahr 1980 gründete sich die Acherner Bürger Liste (ABL) als neue politische Kraft in Achern und zog gleich mit drei Räten in den Gemeinderat ein. Inzwischen ist sie dritte politische Kraft in Achern nach der CDU und den Freien Wählern. Fraktionschefin der Bürger Liste ist Jutta Römer
Kurz nachdem die Grünen entstanden, gründete sich in Achern die Bürgerliste. Warum haben sie damals keinen Grünen-Ortsverband ins Leben gerufen?
Jutta Römer: Wir wollten parteipolitisch unabhängig sein, uns nur den Acherner Themen verpflichten. Schwerpunkt und auch ein Anlass der Gründung war, dem damaligen Bedürfnis vieler entsprechend, der Natur- und Umweltschutz, die fehlende Jugendarbeit, Fragen einer verträglichen Stadtentwicklung und ein Mehr an Basisdemokratie.
Was unterscheidet die ABL von den Grünen?
Römer: Wir sind keine Partei und deshalb nicht an Vorgaben von »oben« gebunden. In unserer Gruppierung waren und sind sowohl Mitglieder der CDU, SPD und der Grünen.
Sie haben sich damals für die Erhaltung der alten Linden in der Eisenbahnstraße eingesetzt. Wie gefällt ihnen denn inzwischen die Außenanlage der Illenau, bei der ja auch viele Bäume gefällt werden mussten?
Römer: Die Eisenbahnstraße ist inzwischen eine sehr schöne Allee, da sie damals, auch auf Grund des Bürgerprotestes, sehr gut neu bepflanzt wurde. Das Gleiche gilt für die Außenanlage in der Illenau. Der Einsatz vieler führte zu einer guten Lösung. Ohne das öffentliche Eintreten für den Erhalt möglichst vieler Bäume wäre so mancher Baum mehr gefallen und es gäbe wohl auch nicht die Doppelallee
Welcher Schwerpunkt steht bei Ihnen im Vordergrund, die Umwelt oder das Soziale?
Römer: Die demographische Entwicklung, das Auseinanderfallen gewohnter Familienstrukturen, das Einbinden der ausländischen Mitbürger, die Schere zwischen Arm und Reich sind soziale Themen, die anzugehen auch für Achern von fundamentaler Bedeutung ist. Auch wenn wir von Entscheidungen des Bundes und des Landes abhängig sind, ist es sehr wichtig, vor Ort gute Strukturen für ein gelingendes Miteinander zu schaffen. Darüber sind der Natur- und Umweltschutz in den letzten Jahren leider stark in den Hintergrund getreten, obwohl sie regional und global dringender denn je sind. Das Artensterben vollzieht sich auch in unserer direkten Umgebung in noch nie da gewesener Geschwindigkeit. Bei gutem Willen wäre viel mehr möglich, es gäbe viel zu tun. In diesem Bereich haben wir hier vor Ort parlamentarische Defizite.
In Freiburg ist ein Grüner Oberbürgermeister. Warum hält sich die ABL bei OB-Wahlen stets zurück und sucht nicht nach einem eigenen Kandidaten?
Römer: Um es nochmal zu sagen: Wir sind keine Partei. Daher verfügen wir auch nicht über die Strukturen, einen geeigneten Kandidaten zu finden und aufzubauen. Nichtsdestotrotz haben wir uns bei den vergangenen OB-Wahlen zu Wort gemeldet und am Entscheidungsfindungsprozess konstruktiv mitgearbeitet.
Apropos OB: Gibt es mit dem CDU-Mitglied Muttach mehr Reibungsfläche als früher mit dem SPD-Mitglied Köstlin?
Römer: Wir haben uns immer um eine sachorientierte Arbeit bemüht, unterschiedliche Standpunkte in der Politik sind normal. Die Amtsführung von OB Muttach ist sehr auf ihn zugeschnitten.
Sie haben derzeit sechs von 26 Sitzen im Gemeinderat. Ist damit die realistische Obergrenze erreicht?
Römer: Es wird nicht leicht sein, unsere Anzahl der Sitze zu steigern, zumal wir nicht immer nur Schönwetterparolen verbreiten und uns um ein klares politisches Profil bemühen. Für eine unabhängige Liste haben wir über 30 Jahre ein unglaublich gutes Ergebnis erzielt, von 8,1 % bei der ersten Wahl auf 22,2 % bei der letzten Wahl. Dies spricht für unsere Arbeit, doch gute Arbeit hängt nicht alleine von der Anzahl der Sitze ab.
Freut es Sie, dass in Stuttgart (»Stuttgart 21«) derzeit die Protestbewegung wieder auflebt?
Römer: Hier gibt es viel Emotionen, viel Misstrauen und Verunglimpfungen auf beiden Seiten. Wenn der Bürger sich ohnmächtig fühlt, hat er seine Gründe und das Recht, diesen Unmut auszudrücken. Unabhängig von der inhaltlichen Diskussion wird hier deutlich, dass die Politik andere Wege finden muss, die Bürger in die Entscheidungsfindung mit einzubeziehen. Heiner Geißler hat recht: »Die Welt sieht nach Stuttgart 21 auf jeden Fall anders aus als vorher.«
STICHWORT
Acherner Bürger Liste
Zur Kommunalwahl am 22. Juni 1980 trat die Acherner Bürger Liste (ABL) erstmals an. Peter Huber, Jürgen Franck und Waltraud Moster zogen ins Acherner Parlament ein. Peter Huber (62) ist auch heute noch dabei und damit dienstältester Acherner Stadtrat.
Die bisherigen Wahlergebnisse der ABL:
1980 8,1 % (3 von 42 Sitzen),
1984 10,3 % (4 von 39 Sitzen)
1989 16,3 % (7 von 42 Sitzen)
1994 15,5 % (7 von 45 Sitzen)
1999 16,6 % (4 von 26 Sitzen)
2004 18,6 % (5 von 26 Sitzen)
2009 22,2 % (6 von 26 Sitzen).
Die aktuellen sechs Stadträte der Acherner Bürger Liste sind Reinhard Früh, Gabriele Hoggenmüller, Peter Huber, Manfred Nock, Jutta Römer und Gerhard Weber.
Termin
ABL-Fest
Anlässlich ihres 30-jährigen Bestehens lädt die Acherner Bürger Liste (ABL) auf Samstag, 23. Oktober, ab 19 Uhr zu einem Fest in die Illenau-Werkstätten ein. Die ABL-Gemeinde- und Ortschaftsräte sowie der ABL-Förderkreis wollen den Gästen in besonderem Ambiente und bei einem badischen Vesper Gelegenheit zum Gespräch und ein kreatives Unterhaltungsprogramm bieten.
Seit 30 Jahren fester Bestandteil des Acherner Gemeinderats ist die Acherner Bürgerliste (ABL). Unser Foto zeigt am Tisch links die ABL-Räte (von links) Manfred Nock, Jutta Römer und Peter Huber.
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